Medienmitteilung vom 31.08.2006
MedienmitteilungBauplan einer Antibiotika-Pumpe aufgedeckt
Zahlreiche Bakterien pumpen Antibiotika aus ihren Zellen und werden so gegen Antibiotika resistent. Forschern der Universitäten Zürich und Konstanz haben jetzt den Bauplan einer solchen Antibiotika-Pumpe aufgedeckt. Gelingt es, einen Hemmstoff zu entwickeln, könnten solche Pumpen blockiert werden und die Bakterien würden wieder empfindlich für Antibiotika. Die Studie erscheint am 1. September 2006 in der Wissenschaftszeitschrift «Science» (Volume 313, issue 5791).
Lässt sich ein Bakterium, das eine Infektion verursacht, nicht
durch verschiedene Antibiotika bekämpfen, spricht man von multipler
Antibiotika-Resistenz oder «multidrug resistance». Besonders in
klinischer Umgebung ist «multidrug resistance» ein immer häufiger
auftretendes Problem und führt zu nicht bekämpfbaren - und daher
oft tödlichen - Infektionen insbesondere bei immungeschwächten
Patientinnen und Patienten.
Viele Bakterien, zum Beispiel das Darmbakterium Escherichia
coli oder das opportunistische Pathogen Pseudomonas aeruginosa
besitzen eine Pumpe, die äusserst effektiv für sie schädliche
Substanzen, wie Antibiotika, von der bakteriellen Zelle nach aussen
pumpt. Dies ver-hindert die Wirkung der Antibiotika und ermöglicht
das Überleben der Bakterien.
Die Forscher Markus Seeger und Dr. Martin Pos von der
Universität Zürich und Dr. André Schiefner und Prof. Kay Diederichs
von der Universität Konstanz haben jetzt die Struktur, d.h. den
Bauplan der Membranpumpe AcrB, einer der wichtigsten Antibiotika
Resistenz-Maschinen aufgedeckt.
Erstaunt hat der Bauplan auf allen Ebenen: Es scheint, dass
die Natur für den Transport von schädlichen Substanzen, wie
Gallensalze und Antibiotika, eine peristaltische Pumpe, sprich
Quetschpumpe, entwickelt hat. «Dem Bauplan nach beinhaltet die
Pumpe ein Tunnelsystem, durch das die Antibiotika gleiten können»,
erklärt Martin Pos. Dieser Tunnel ist zuerst nur an einer zum
Zellinnern gerichteten Seite geöffnet, um das Antibiotikum aus der
Zelle zu fischen. Ist das Antibiotikum einmal im Tunnel gefangen,
wird die innere Tunnelöffnung geschlossen, und gleichzeitig wird
der Tunnel an der Aussenseite der Zelle geöffnet. Die postulierte
Peristaltik bewirkt, dass das Antibiotikum aus dem nach aussen
geöff-neten Tunnel gequetscht wird. Ist das Antibiotikum einmal
draussen und somit für das Bakterium ungefährlich, schliesst sich
der Tunnel von aussen. Er öffnet sich wieder an der Innenseite, um
sich das nächste Antibiotikum-Molekül zu angeln. Dieser Prozess
wird ständig wiederholt und resultiert in einem kontinuierlichen
Ausstrom von Antibiotika. Dies hat zur Folge, dass das Bakterium
resistent ist und überlebt.
«Mit den neuen Kenntnissen des Antibiotika-Pumpmechanismus
ist es denkbar, einen Hemmstoff für diese Resistenz-Pumpe zu
entwickeln» sagt Martin Pos. Ein Molekül, das sich an den engen
Stellen des Tunnels verankert und diesen somit verstopft, würde die
Pumpe blockieren und die Antibiotika-Resistenz wäre aufgehoben.
Zusammenarbeit Konstanz-Zürich
Diese Publikation ging hervor aus einer Kollaboration der
Forschungsgruppen von Dr. Martin Pos, Institut für Physiologie
(Abteilung Prof. Dr. François Verrey) der Universität Zürich und
Prof. Dr. Kay Diederichs vom Fachbereich Biologie der Universität
Konstanz im Rahmen des «TransRegio Sonderforschungsbereichs 11,
Konstanz Zürich».
(http://www.uni-konstanz.de/FuF/TR-SFB11/trafo/)
Dieses Programm wurde 2003 ins Leben gerufen und beschäftigt
sich mit der Erforschung von «Struktur und Funktion von
Membranproteinen». Es basiert auf dem Konzept der Zusammenarbeit
und Vernetzung von Gruppen aus Zürich mit ausgewählten
Projektpartnern in Konstanz. Zurzeit gehören dem Konsortium 11
Arbeitsgruppen der Universität Zürich und ETH Zürich, sowie 12
Gruppen der Universität Konstanz an.
Unterstützt wird das internationale Programm auf Zürcher
Seite durch die Schweizerische Universitätskonferenz (SUK) und den
Schweizer Nationalfonds (SNF) und auf Konstanzer Seite durch die
Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).






