Medienmitteilung vom 23.08.2006
MedienmitteilungDie Grenzen des Altruismus
Wissenschaftler der Universität Zürich weisen die dunkle Seite des menschlichen Altruismus nach Diskriminierung und Ausgrenzung. Mit Experimenten in Papua Neu Guinea konnten sie zeigen, dass Normverletzungen viel weniger häufig bestraft werden, wenn das Opfer einem anderen Stamm oder einer anderen Gruppe angehört. Die Studie des Forschungsteams um Prof. Ernst Fehr erscheint am 24. August 2006 in der Wissenschaftszeitschrift «Nature» (Volume 442, issue 7105).
Menschliche Gesellschaften basieren auf detaillierter
Arbeitsteilung und Kooperation in grossen Gruppen zwischen
genetisch nicht verwandten Individuen. Menschliche Kooperation
unterscheidet sich so spektakulär vom Kooperationsniveau anderer
Arten, weil Menschen einzigartige Muster des Altruismus aufweisen
wie zum Beispiel die altruistische Bestrafung von Normverletzungen.
Altruistische Bestrafung bedeutet, dass Individuen ungerechtes und
nicht-kooperatives Verhalten ahnden, obwohl ihnen die Bestrafung
Kosten verursacht und keinen materiellen Gewinn einbringt. Diese
Bestrafung trägt dazu bei, soziale Normen, welche die Kooperation
fördern, aufrecht zu erhalten.
Evolutionäre Theorien, welche die Evolution des menschlichen
Altruismus als Folge des Wettbewerbs zwischen Gruppen sehen,
prognostizieren aber auch, dass der menschliche Altruismus eine
gruppenspezifische Engstirnigkeit aufweist, die diskriminierend und
ausgrenzend gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen ist.
Evolutionärer Wettbewerb zwischen Gruppen fördert altruistische,
die Gruppenzusammengehörigkeit stärkende Verhaltensregeln gegenüber
Mitgliedern der eigenen Gruppe nicht aber altruistisches
Verhalten gegenüber Mitgliedern von anderen nach Sprache, Kultur,
Aussehen oder Rasse unterschiedlichen Gruppen, mit denen man im
Wettbewerb steht. Gemäss diesen evolutionären Theorien müsste auch
altruistisches Bestrafen durch diese Art von gruppenspezifischer
Engstirnigkeit und Diskriminierung gekennzeichnet sein.
Helfen Schweizer eher anderen Schweizern?
Ist also die Bereitschaft, sozial nützliche Normen mittels
altruistischer Bestrafung durchzusetzen, durch gruppenspezifische
Engstirnigkeit und Diskriminierung gekennzeichnet? Mit anderen
Worten: Wenn ein Schweizer in Zürich das potentielles Opfer einer
Normverletzung ist, eilen ihm dann andere Schweizer eher zu Hilfe
als wenn das potentielle Opfer ein Ausländer ist? Oder: Wenn ein
Schweizer einen Ausländer auf verletzende Art behandelt, kann er
dann mit der Nachsicht seiner Schweizer Kollegen rechnen oder ist
deren Bereitschaft zu bestrafen gleich hoch, wie wenn ein Ausländer
der Übeltäter ist?
Fragen dieser Art beantwortet ein Forschungsteam um Ernst
Fehr, Urs Fischbacher und Helen Bernhard vom Institut für
Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Zürich in der
neuesten Ausgabe von «Nature». Allerdings gehen die Wissenschaftler
diesen Fragen nicht im Kontext der Schweizer Gesellschaft, sondern
in Papua Neu Guinea nach. «Papua Neu Guinea eignet sich
hervorragend zur Beantwortung dieser Fragen, weil es sehr viele
verschiedene durch Gruppensolidarität gekennzeichnete ethnische
Gruppen gibt, deren Zusammenleben in erster Linie durch informelle
soziale Normen geregelt ist», sagt Helen Bernhard, eine
Mitverfasserin der Studie. «Die Menschen in Papua Neu Guinea leben
noch unter viel einfacheren Bedingungen. Diese sind den
Gesellschaften, in denen sich unsere sozialen Instinkte
entwickelt haben, viel ähnlicher als den modernen europäische
Gesellschaften.»
Eigene Gruppe wird bevorzugt
Die Wissenschaftler untersuchten, in welchem Masse die
Mitglieder unterschiedlicher Stämme in Papua Neu Guinea bereit
waren, Kosten auf sich zu nehmen, um die Verletzung der
Gleichheitsnorm zu bestrafen. Es zeigte sich, dass die Menschen
viel weniger eine Normverletzung bestrafen, wenn das Opfer der
Normverletzung ein Mitglied des anderen Stammes ist. Der Schutz
fremder Stammesmitglieder durch die Androhung altruistischer
Bestrafung von Normverletzern ist unabhängig davon ob der
Normverletzer aus dem eigenen Stamm oder vom anderen Stamm kommt
relativ niedrig. Es zeigte sich auch, dass die Normverletzer
erwarten, dass sie weniger bestraft werden, wenn der Bestrafende
vom eigenen Stamm ist; deshalb wird die Gleichheitsnorm in diesen
Fällen auch besonders oft verletzt.
Urs Fischbacher, ein Wirtschaftswissenschaftler an der
Universität Zürich und Mitverfasser der Studie, kommt deshalb zum
Schluss: «Begünstigung der eigenen Gruppe und Gleichgültigkeit
gegenüber den Mitgliedern von anderen Gruppen ist vermutlich ein
tief sitzender evolutionär geprägter Impuls, der bis in die
heutige Zeit noch eine Rolle spielt. In der Zwischenzeit haben
andere Forscherteams unsere Ergebnisse bereits für andere
Gesellschaften wie beispielsweise die Schweiz replizieren
können.»
Ernst Fehr, der Leiter der Studie, fügt bei: «Ausgrenzende
und diskriminierende Impulse zeigen sich in modernen Gesellschaften
auch in der Form von fremdenfeindlichen politischen Organisationen,
welche häufig eine altruistische, verteidigende, Haltung
gegenüber Inländern und Misstrauen bzw. gar offene Feindseligkeit
gegenüber Ausländern an den Tag legen. Es bedarf zivilisatorischer
Anstrengungen, solche Impulse zu überwinden.»

