Medienmitteilung vom 02.04.2006
MedienmitteilungErfolgreiche Gentherapie gegen angeborene Blutkrankheit
Einem Forschungsteam aus der Schweiz und aus Deutschland ist es erstmals gelungen, mit Gentherapie eine angeborene Blutkrankheit zu behandeln. Dies berichten die Wissenschaftler in einer online-Publikation des Wissenschaftsmagazins «Nature Medicine» vom 2. April.
Das Team um Reinhard Seger vom Universitätskinderspital Zürich,
Dieter Hoelzer von der Universitätsklinik Frankfurt und Manuel Grez
vom Institut für biomedizinische Forschung in Frankfurt behandelte
zwei erwachsene Patienten, die an einer septischen Granulomatose
litten. Diese angeborene Immunschwächekrankheit beruht auf einem
Gendefekt, der die Abwehr von Blutzellen gegen Pilze und gewisse
Bakterien stark beeinträchtigt (siehe Kasten).
Die Gentherapie erfolgte vor eineinhalb Jahren an der
Universitätsklinik Frankfurt. Den beiden Patienten im Alter von 25
und 26 Jahren wurden blutbildende Zellen des Knochenmarks
entnommen, im Reagenzglas mit einer funktionsfähigen Kopie des
fehlerhaften Gens versehen und zurück transplantiert. Die
veränderten Blutzellen haben sich sofort wieder im Knochenmark der
Patienten eingenistet und bilden seither gesunde Immunzellen.
Bestehende Infektionen haben sich zurückgebildet, und es sind keine
neuen schweren Erkrankungen mehr aufgetreten.
Die Forschenden berichten über den Therapieverlauf in einer
online-Publikation von «Nature Medicine» vom 2. April. Die
Entwicklung der Gentherapie gegen septische Granulomatose wurde
massgeblich durch das Nationale Forschungsprogramm «Somatische
Gentherapie» (1996 bis 2002) des Schweizerischen Nationalfonds
unterstützt.
Knabe therapiert
Vor einem Jahr ist zudem ein dritter Patient, ein
fünfjähriger Knabe, am Kinderspital Zürich, gentherapeutisch
behandelt worden. Er litt an einer schweren Pilzinfektion der Lunge
und der Wirbelsäule und konnte seine Beine kaum mehr bewegen. Auch
bei ihm war die Behandlung erfolgreich. Die Infektion ist
überwunden, und der Junge kann wieder kürzere Strecken laufen.
Entscheidend für den Therapieerfolg waren zwei Innovationen:
Erstens haben die Forschenden eine verbesserte Genfähre speziell
für blutbildende Zellen entwickelt. Wie in anderen
Gentherapie-Verfahren besteht diese aus einem abgeänderten Virus,
dessen Erbgut mit der funktionsfähigen Variante des defekten
menschlichen Gens ersetzt wurde. Die zweite Innovation war die
Behandlung der Patienten mit einer milden Chemotherapie, kurz bevor
sie die veränderten Blutstammzellen erhielten: Damit drängten die
Mediziner die bestehenden krankhaften Blutstammzellen zurück, und
die geheilten Zellen konnten sich im Knochenmark besser einnisten
und ausbreiten.
Das neue Gentherapie-Protokoll stösst weltweit auf Interesse.
Denn auch andere Blutkrankheiten, die auf einem Gendefekt beruhen,
könnten nach dem gleichen Prinzip behandelt werden, beispielsweise
die Thalassämie oder diverse Speicherkrankheiten.
Plötzliche Zunahme veränderter Zellen aber keine Leukämie
Neben dem Nutzen birgt die Gentherapie von Blutstammzellen
allerdings auch das Risiko von Blutkrebs. Dies hat die Gentherapie
von 18 Kindern mit einer anderen Immunschwächekrankheit, der SCID
(severe combined immunodeficiency) in Paris und London gezeigt: Bei
drei Patienten haben die Genfähren Wachstumsgene aktiviert, was
zusammen mit dem ebenfalls wachstumsfördernden therapeutischen Gen
zu einer Leukämie führte.
Auch bei den beiden in Frankfurt behandelten Patienten
stiegen die genetisch veränderten Blutzellen ein paar Monate nach
der Behandlung von 20 auf 50 Prozent an (jedoch bisher nicht beim
fünfjährigen Knaben in Zürich). Zwar ist diese Zunahme günstig,
weil sie die Immunabwehr verbessert. Doch sie könnte auch ein
Anzeichen von Blutkrebs sein. Deshalb analysierte das Team von
Christof von Kalle vom Nationalen Zentrum für Tumorerkrankungen in
Heidelberg Tausende von Blutzellen der Patienten. Es zeigte sich,
dass die Genfähren in gewissen Zellen drei Wachstumsgene aktiviert
hatten. Ein unkontrolliertes Wachstum einzelner Zelltypen, wie dies
bei Blutkrebs der Fall ist, trat jedoch nicht ein. Ausserdem wurden
andere Gene aktiviert als bei den drei Leukämie-Fällen in Paris,
nämlich solche, die bereits bei der normalen Blutbildung beteiligt
sind. Inzwischen ist der Anteil der veränderten Blutzellen bei den
beiden Patienten wieder auf 20 bis 30 Prozent gesunken. Trotzdem
bleiben die Patienten unter engmaschiger Kontrolle, damit eine
allfällig auftretende Leukämie sofort behandelt werden könnte.
Strenge medizinische und ethische Bewilligungsverfahren
Die Gentherapie-Behandlungen in Frankfurt wurden von der
Ethikkommission der Universitätsklinik Frankfurt und der Kommission
«Somatische Gentherapie» der Bundesärztekammer (Deutschland)
gutgeheissen, die Behandlung in Zürich bewilligte die Kantonale
Ethikkommission Zürich und der Eidgenössische Kommission für
biologische Sicherheit. Die Kantonale Ethikkommission Zürich hat
zudem verfügt, dass jeder Granulomatose-Patient, bei dem die
gentherapeutische Behandlung in Erwägung gezogen wird, von einem
unabhängigen Gremium aus ausländischen Experten beurteilt wird.
Dessen Aufgabe ist es abzuschätzen, ob der Nutzen die Risiken
rechtfertigt. «Nur wer lebensgefährlich erkrankt ist, wird mit der
heutigen Therapiemethode behandelt», sagt Reinhard Seger.
Gleichzeitig arbeiten die Forschenden an einer verbesserten
Genfähre, die das Risiko eines verstärkten Zellwachstums um das
Zehnfache reduziert. Sie wird nach Einschätzung von Reinhard Seger
in einem Jahr in der Klinik anwendbar sein, wenn die Tierversuche
abgeschlossen sind.
Septische Granulomatose
Die septische Granulomatose ist eine lebensbedrohliche
Immunschwächekrankheit, bei der die Fresszellen (Granulozyten),
eine Gruppe der weissen Blutkörperchen, nicht richtig
funktionieren. Die Ursache ist ein defektes Gen für ein Enzym. Die
Fresszellen können Pilze und Bakterien zwar aufnehmen aber nicht
abtöten. Wie trojanische Pferde schleppen sie die Erreger in andere
Organe und lassen sie frei, wenn sie sterben. So entstehen immer
wieder neue, schwere Infektionen.
Die Krankheit trifft etwa eines von 200'000 Kindern. Nur etwa
jedes Zweite erreicht das Erwachsenenalter. Die Lebensqualität ist
stark eingeschränkt; viele Kinder sind untergewichtig und
kleinwüchsig und können wegen der vielen Krankenhausaufenthalte
nicht regelmässig zur Schule gehen. Die Krankheit kann zwar durch
eine Blutstammzellspende geheilt werden, doch die Hälfte der
Betroffenen findet keinen passenden Spender. Auch ist die
Blutstammzellspende nicht ungefährlich: Sie gelingt nur in etwa 80
Prozent der Fälle und 15 Prozent der Patienten überleben die
Behandlung nicht.
