Medienmitteilung vom 20.12.2006
MedienmitteilungInnergeschlechtliche Konkurrenz und sexuelle Selektion bei Säugern
Bei den meisten Tierarten investieren die Männchen weniger in die Aufzucht der Nachkommen und konkurrieren aggressiver um Fortpflanzungspartner. Bei einigen Säugern wie den Erdmännchen oder Tüpfelhyänen hingegen konkurrieren die Weibchen stärker untereinander als die Männchen. Dieser Wettbewerb zwischen Weibchen um Fortpflanzungsmöglichkeiten wirkt auf die Evolution von Geschlechtsunterschieden und die sexuelle Selektion, wie die Studie eines Forschungsteams mit Prof. Marta Manser von der Universität Zürich zeigt. Die Resultate der Studie werden am 21.12.2006 in der neusten Ausgabe von «Nature» publiziert.
Sexuelle Selektion ist üblicherweise definiert als Selektion
durch innergeschlechtliche Konkurrenz um Paarungspartner oder
Paarungsmöglichkeiten. Bei den meisten Tierarten werden diejenigen
Individuen eines Geschlechtes zur begrenzten Ressource als
Paarungspartner, die am meisten elterliche Investitionen leisten.
Häufig sind dies die Weibchen. Diejenigen Individuen, die weniger
in ihre Nachkommen investieren, konkurrieren folglich stärker um
den Zugang zum Fortpflanzungspartner und entwickeln oft auch
ausgeprägte sekundäre Geschlechtsmerkmale. Bei einigen Säugerarten
hingegen konkurrieren die Weibchen stärker untereinander als die
Männchen obwohl sich vorwiegend die Weibchen um die Jungen
kümmern.
Innergeschlechtliche Konkurrenz zwischen Weibchen ist
besonders bei Arten mit kooperativer Jungenaufzucht zu erwarten.
Bei dieser Aufzucht monopolisiert ein einzelnes Weibchen in einer
Gruppe die Fortpflanzung, und andere erwachsene Gruppenmitglieder
helfen bei der Aufzucht mit. In ihrem in «Nature» publizierten
Artikel präsentieren die Forscherinnen und Forscher der
Universitäten Cambridge, Pretoria, Uppsala, Sheffield, Stellenbosch
und Zürich Daten einer zwölfjährigen Studie an wildlebenden
Erdmännchen (Suricata suricatta). Am Beispiel der kooperativen
Erdmännchen zeigen sie einerseits, dass die Weibchen begrenzteren
Fortpflanzungsmöglichkeiten ausgesetzt sind als die Männchen.
Andererseits weisen die Forschenden auf die Folgen für die
innergeschlechtliche Konkurrenz und die sexuelle Selektion hin. Wie
Prof. Marta Manser erklärt, haben die Weibchen einen grösseren
Nutzen vom Erlangen des höchsten sozialen Ranges in der Gruppe als
Männchen. «Dominante Weibchen bringen nicht nur viel mehr
Nachkommen als andere erwachsene Weibchen hervor, sie sind auch
erfolgreicher.» Bei Männchen hingegen ist der Fortpflanzungserfolg
viel weniger abhängig vom sozialen Rang. Dominante Weibchen
entwickeln zudem eine Reihe von morphologischen und physiologischen
Merkmalen sowie Verhaltensweisen, um andere Gruppenmitglieder zu
kontrollieren. «Entsprechende Entwicklungen finden wir auch bei den
kooperativen Nacktmullen, bei denen ein dominantes Weibchen
Kolonien bis zu 300 Mitgliedern kontrolliert», sagt die
Verhaltensbiologin Manser.
Innergeschlechtliche Konkurrenz auch bei nicht kooperativen
Tieren
Eine starke innergeschlechtliche Konkurrenz um den Zugang zu
spärlichen Ressourcen, kombiniert mit ausgeprägter Entwicklung der
sekundären Geschlechtsmerkmale bei Weibchen, fanden die Forschenden
auch bei nicht kooperativen Wirbeltieren. So sind die Weibchen der
Tüpfelhyänen grösser und aggressiver als die Männchen. Sie
konkurrieren zudem mehr um den sozialen Status, der den Zugang zu
Ressourcen und die Überlebenschance ihrer Nachkommen beeinflusst.
Die um Brutplätze kämpfenden Weibchen der Clownfische und
Edel-Papageien wiederum sind grösser oder auffälliger gefärbt und
aggressiver als die Männchen. «Im Gegensatz zu den Männchen
konkurrieren die Weibchen um Ressourcen, die ihnen eine
Jungenaufzucht ermöglichen, und nicht um Partner als
Keimzellen-Lieferanten des anderen Geschlechtes», erläutert Prof.
Manser.
Geschlechtsunterschiede bei den elterlichen Investitionen
sind somit nicht allein ausschlaggebend für die Evolution von
Geschlechtsunterschieden und den Vorgang der sexuellen Selektion.
Ebenso wichtig sind die Folgen der vielen Formen der Konkurrenz um
Fortpflanzungsmöglichkeiten zwischen Weibchen. In der geläufigen
Definition von sexueller Selektion, reduziert auf die
innergeschlechtliche Konkurrenz um Paarungspartner oder
Paarungsmöglichkeiten, werden diese jedoch ausgeschlossen.


