Medienmitteilung vom 04.05.2006
MedienmitteilungMythos des ursprünglichen Karats widerlegt
Ein Diamant von einem Karat wiegt ungefähr so viel wie ein Samen des mediterranen Johannisbrotbaumes (Karob). Das ist kein Zufall. Die Karobkerne wurden früher zum Wägen wertvoller Steine verwendet, weil sie sich im Gewicht kaum unterscheiden. Das stimmt allerdings nicht, wie Forscher der Universität Zürich in einer Studie zeigen, die in der Fachzeitschrift «Biology Letters» veröffentlicht wird.
Wissenschaftler der Universität Zürich und des Mediterranen
Instituts für Fortgeschrittene Studien, Mallorca, sind dem Mythos
des konstanten Karobgewichts auf den Grund gegangen. «Dieser Mythos
ist weit verbreitet und wurde noch nie genauer untersucht», sagt
Lindsay Turnbull, Leiterin der Studie. «Deshalb waren wir sehr
gespannt, ob sie auch stimmt.» Die Wissenschaftler haben Karobsamen
auf Mallorca gesammelt und gewogen. Das Ergebnis überrascht. Das
Gewicht der Karobkerne ist etwa gleich variabel wie das Gewicht von
Samen anderer Arten.
«Damit endete unser Interesse jedoch nicht», kommentiert Luis
Santamaria vom Mallorca-Team, «wir wollten verstehen, wie der
Mythos entstanden ist und wendeten uns der menschlichen Wahrnehmung
zu.» Die Wissenschaftler zeigten Versuchsteilnehmern jeweils zwei
Samen und forderten sie auf, mit blossem Auge zu entscheiden,
welcher der Samen leichter bzw. schwerer ist. «Wir waren überrascht
wie gut sie das konnten», fügt Santamaria hinzu. Die Probanden
konnten ohne Probleme Gewichtsunterschiede von ungefähr 5 Prozent
(einem Hundertstel Gramm) erkennen. Diese Fähigkeit benutzen die
Menschen und sonderten Karobsamen mit starken Gewichtsunterschieden
aus. Dadurch wurde wahrscheinlich die hohe Zuverlässigkeit der
Masseinheit Karat erreicht.
Um zu überprüfen, ob sich die menschliche Auswahl auf das
konstante Karobsamengewicht ausgewirkt hat, verglichen die
Wissenschaftler vor-metrische Karatgewichte der ganzen Welt
miteinander. Diese unterscheiden sich von Ort zu Ort, aber
bezeichnenderweise liegt die Streuung bei 5 Prozent und nicht bei
25 Prozent, wie sie in einer zufälligen Auswahl von Karobsamen
vorkommt. «Es scheint, als ob die Streuung von 5 Prozent die
menschliche Selektionsfähigkeit widerspiegelt», meint Turnbull.
Diese Ergebnisse geben Aufschluss über die Entstehung
altertümlicher Messsysteme. Nicht das aussergewöhnlich konstante
Samengewicht des Johannisbrotbaumes, sondern die bemerkenswert gute
Fähigkeit des Menschen, Gewichtsunterschiede zu erkennen, haben zur
verlässlichen Masseinheit Karat geführt. Da der menschliche
Einfluss vorher nicht erkannt wurde, wurde das konstante
Samengewicht fälschlicherweise der natürlichen, anstatt der
menschlichen Selektion zugeschrieben.

