Medienmitteilung vom 14.02.2006
MedienmitteilungPfade am Himmel und Signale aus dem Gehirn
Ein alter Traum der Neuroethologie geht in Erfüllung: das gleichzeitige Erfassen von Bewegungen und Gehirnaktivitäten in der natürlichen Umgebung einer Tierart. Forschern der Universität Zürich ist es gelungen, ultraleichte und winzige Datenlogger zu entwickeln, die beides aufzeichnen. Dieser technische Durchbruch wird jetzt von der renommierten Fachzeitschrift «Journal of Neurophysiology» (Volume 95, Issue 2) mit einem Titelblatt gewürdigt.
Prof. Hans-Peter Lipp und Prof. David P. Wolfer vom Anatomischen
Institut der Universität Zürich hatten sich daran gestört, dass das
Hineinhorchen in die Aktivitäten des Gehirns bei kognitiven
Aufgaben nur in kleinräumigen Boxen und Testsituationen innerhalb
von Labors möglich war. Niemand weiss daher, wie sich
Hirnstromwellen (EEG) und die Entladungsrate von Nervenzellen
verändern, wenn sich Tiere - und auch Menschen - in ihrer
natürlichen Umgebung und normalen Tagesablauf ungehindert bewegen
können. Zwar lassen sich Elektroden und deren Kontaktstecker, die
es zur Erfassung von Hirnstromaktivitäten braucht, über lange Zeit
und schmerzfrei implantieren. Die im Gehirn entstehenden Signale
müssen dann aber elektronisch erfasst und verarbeitet werden. In
der Laborsituation geschieht dies traditionellerweise über feine
Kabel zur Analyse-Apparatur. Bei grösseren Tieren und Menschen
werden solche Signale auch über Radiosender (Radio-Telemetrie) an
eine Empfangsstation gesendet. Das Gewicht batteriegetriebener
Sender und deren beschränkte Reichweite verhinderten aber bislang,
die Gehirnsignale aus dem natürlichen Habitat einer Tierart zu
erfassen. Die zunehmende Miniaturisierung elektronischer
Komponenten ermöglichte es nun dem Forschungsteam am Anatomischen
Institut der Universität Zürich, diese Schranke zu überwinden.
Neurologger mit GPS
Ausgangspunkt der von den Professoren Lipp und Wolfer
geleiteten Gruppe war ein zuvor mit der ETH Zürich entwickeltes
GPS-Pfadaufzeichnungsgerät, mit dem die Flugpfade von Brieftauben
über hunderte von Kilometern exakt aufgezeichnet werden können. Dem
Bio-Ingenieur Alexei Vyssotski gelang es, die gesamte Elektronik
zur Erfassung und Verstärkung von elektrischen Signalen aus dem
Gehirn auf Kreditkarten-Grösse zu verkleinern. Das so entstandene
Kombi-Paket zur parallelen Aufzeichnung von GPS-Wegpunkten und
Hirnaktivität während vieler Stunden wurde weniger als 30 Gramm
schwer. Dies entspricht dem Gewicht, das eine Taube auch in ihrem
normalen Leben über lange Distanzen transportiert, wenn sie
aufgepickte Körner im Kropf mit sich trägt. Damit wurde es weltweit
zum ersten Mal möglich, sowohl Hirnstromwellen
(Elektroenzephalographie, EEG) als auch Signale einzelner
Nervenzellen während des aufgezeichneten Heimfluges einer Taube
aufzuzeichnen. Dieser technische Durchbruch und die damit
verbundenen Perspektiven wurden denn auch durch ein Titelblatt der
renommierten Fachzeitschrift «Journal of Neurophysiology»
gewürdigt.
Wie orientieren sich Vögel?
Verhaltens- und Hirnforscher erhoffen sich von dieser neuen
Methode, veränderte Hirnwellenaktivitäten erfassen und damit
herausfinden zu können, wie sich Vögel orientieren. Die Zürcher
Forscher sahen sich bei Brieftaubenversuchen in Italien mit einem
Problem konfrontiert. Mit GPS-Geräten bestückte Tauben wurden vom
Meer aus fliegen gelassen. Sie mussten auf dem Heimweg Gebiete
überqueren, die unter Wasser starke lokale Veränderungen des
Erdmagnetfeldes aufwiesen. Gemäss einer weit verbreiteten Theorie
zum Orientierungsverhalten sollte der Flugweg dieser Tauben im
Gebiet der magnetischen Anomalie von der Heimfluglinie abweichen.
Die bislang getesteten Tauben zeigten sich aber wenig beeindruckt
und zogen meist gerade über solche Zonen hinweg. Unklar ist bisher,
ob die Taube eine widersprüchliche magnetische Information zwar
wahrnahm aber ignorierte, oder ob sie die Anomalien des
Erdmagnetfeldes überhaupt nicht bemerkte. Da bei Wirbeltieren die
Hirnstromwellen verflachen, wenn das Gehirn eine Aufmerksamkeit
erheischende Sinneswahrnehmung macht, wird das EEG zu einem Sensor
für aktuell relevante Informationen. Damit können die Zürcher
Forscher nun prüfen, ob sich dass EEG während des Heimfluges über
den magnetischen Anomalien verändert. «Wenn nicht, hat die Theorie
magnetisch unterstützter Orientierung bei Vögeln ein weiteres
Problem», sagt Prof. Lipp. Denn auch Albatrosse mit gestörter
Wahrnehmung des Erdmagnetfeldes können sich problemlos über
Tausende von Kilometern orientieren.
Neue Aera in der Neuroethologie
Der zweite Anwendungsbereich betrifft die Registrierung so
genannter Platz-Zellen im Hippocampus. Der Hippocampus ist eine
Hirnregion, die beim Menschen komplexe Gedächtnisprozesse
kontrolliert. Bei kleineren Tierarten wie Ratten und Mäusen steht
die Verarbeitung räumlicher Informationen im Vordergrund. Dies
manifestiert sich im Vorhandensein von Platz-Zellen, die bei
Studien im Labor immer dann aktiv werden, wenn sich das Individuum
an einer bestimmten Stelle im Beobachtungsfeld befindet. Das ist
eine kognitive Leistung, weil das Gehirn dabei Sinneseindrücke aus
der Umgebung als Orientierungshilfe mit seiner eigenen
Bewegungswahrnehmung verrechnen muss. Diese platz-spezifischen
Entladungen einzelner Nervenzellen etablieren sich innert weniger
Minuten und bezeugen so die rasche Entstehung einer mentalen Karte.
Wie aber entstehen und verändern sich solche Platz-Zellaktivitäten,
wenn sich ein Tier in seinem normalen Lebensraum bewegt? Gibt es
Platz-Zellen bei grossen Wirbeltieren wie etwa Zebras? Was spielt
sich im Hippocampus eines anschleichenden Löwens ab? Gibt es
Platz-Zellen bei navigierenden Brieftauben, oder vielleicht
Nervenzellen, welche die Distanz zum Heimschlag erfassen? Niemand
kennt die Antworten. «Sicher ist nur», so Lipp, «dass mit der
Entwicklung der neuartigen Datenlogger eine neue Aera in der
Neuroethologie anbricht, auch wenn noch viel Entwicklungsarbeit
geleistet werden muss.»
Diese Entwicklungsarbeit, unterstützt vom Schweizerischen
Nationalfonds, kommt aber nicht nur der Grundlagenforschung zugute.
Die ultraleichten und winzigen Datenlogger bieten sich zum einen
für die Aufzeichnung von elektrischen Hirn-Signalen bei Patienten
mit neurologischen Krankheitsbildern an. Zum andern eröffnet die
weitere Miniaturisierung sogar klinische Forschung an Mäusen mit
neurologischen Krankheiten, deren elektrische Hirnaktivitäten jetzt
über längere Zeit und kostengünstig aufgezeichnet werden können.
Die Entwicklungsarbeit wird deshalb auch vom Nationalen
Forschungsschwerpunkt (NCCR) «Neural Plasticity and Repair»
unterstützt, sodass nun Prototypen eines Aufzeichnungsgerätes
vorliegen, das bei einem Gewicht von 2 Gramm nur noch 17 Millimeter
lang und 14 Millimeter breit ist, und damit zahlreiche weitere
Anwendungsmöglichkeiten eröffnet.


