Medienmitteilung vom 30.08.2006
MedienmitteilungWissenschaftler vermessen das Weltall mit gekrümmtem Licht
Wissenschaftler aus der Schweiz und den USA haben das Alter und die Ausdehnungsgeschwindigkeit des Weltalls mit einer viel versprechenden und von den üblichen Methoden unabhängigen Technik ermittelt. Das Team aus Forschern der Universität Zürich und den USA bestimmte das Alter des Weltalls auf 13,5 Milliarden Jahren. Ihre Ergebnisse werden in der Fachzeitschrift «The Astrophysical Journal Letters» publiziert.
Die neue Technik basiert auf dem Gravitationslinseneffekt, bzw.
der Art und Weise, wie Lichtstrahlen um eine Galaxie herum gebogen
werden. Die mit der neuen Technik ermittelten Messwerte sind
konsistent mit den Ergebnissen anderer Methoden. Mit mehr Daten
könnte dies die genaueste Methode werden, um diesen fundamentalen
und zugleich wichtigsten Parameter des Weltalls zu ermitteln.
Dr. Andrea Maccio vom Institut für Theoretische Physik der
Universität Zürich, erklärt: «Dies ist ein wichtiger Schritt für
eine viel versprechende geradlinige Art, das Weltall zu vermessen.»
Es gibt mehrere unabhängige Wege, die Hubble-Zeit zu messen.
Techniken, die variable Sterne in anderen Galaxien, Supernova's
oder die kosmologische Hintergrundstrahlung verwenden, haben eine
Genauigkeit von 5 bis 10% erreicht. Gravitationslinsenmessungen
kommen nahe an diese Genauigkeit heran und haben mit mehr Daten das
Potential, darüber hinaus zu gehen», so Maccio.
Laut der allgemein akzeptierten Vorstellung von einem
expandierenden Weltall, das von dunkler Materie und dunkler Energie
dominiert wird, ist das Alter des Weltalls im Wesentlichen der
Kehrwert der Expansionsrate. Das Alter wird auch als Hubble Zeit,
die Expansionsrate als Hubble Konstante bezeichnet, benannt nach
Edwin Hubble, der in 1920er Jahren die Expansion des Weltalls
entdeckte.
Das Weltall, so scheint es, dehnt sich nicht gleichförmig
aus. Je weiter entfernt eine Galaxie ist, desto schneller scheint
sie sich von uns zu entfernen. Diese Rate wird typischerweise in
Kilometer pro Sekunde pro Megaparsec angegeben. Eine Megaparsec,
oder eine Million Parsec, entspricht einer Entfernung von ca. 3,26
Millionen Lichtjahren. D.h. eine Galaxie, die 200 Megaparsec von
uns entfernt ist, entfernt sich nur doppelt so schnell wie eine
Galaxie, die 100 Megaparsec weit weg ist.
«Unsere Methode ist ziemlich konsistent mit anderen
Messungen,» sagt Prof. Liliya Williams von der University of
Minnesota. «Die beste Schätzung, die vom WMAP Satellit der NASA aus
für das Alter des Weltalls abgeleitet wurde, beträgt 13.7
Milliarden Jahre. Die Hubble Konstante ist mit ca. 73 Kilometer pro
Sekunde pro Megaparsec ebenfalls nahe bei unserer Messung. Dies
gibt uns das Vertrauen, dass wir auf dem richtigen Weg sind.»
Einsteins Erklärung
Wissenschaftler und Philosophen haben seit dem 18.
Jahrhundert über die Krümmung von Licht durch die Gravitation
spekuliert. Aber es war Albert Einstein, der als junger Mann sowohl
als Student als auch als Professor an der Universität Zürich Zeit
verbrachte, der 1916 den Effekt der Gravitation auf Licht
quantitativ erklärte.
Einstein und sein Zeitgenosse Fritz Zwicky, ein anderer
Physiker, der in Zürich gearbeitet hat, erkannten, dass Licht
manchmal verschiedene Wege um eine Galaxie nehmen kann, wodurch wir
mehrfache Scheinbilder von Objekten hinter ihr sehen können. Den
Effekt mit dem Alter des Weltalls zu verbinden, fiel 1964 Sjur
Refsdal aus Norwegen zu. Jedoch blieb das Thema rein theoretisch
bis Dennis Walsh, Bob Carswell und Ray Weymann 1979 das erste
Doppelbild entdeckten.
Seit 1979, und insbesondere nach dem Beginn des Hubble Space
Teleskops, wurden dutzende von Mehrfachbildern von
Gravitationslinsen entdeckt und vermessen. In diesen Systemen sind
die Hintergrundquellen zumeist Quasare, das sind Galaxien mit
Schwarzen Löchern, die für ihre aufflackernde Helligkeit bekannt
sind. Wenn die entfernten Quasare aufflackern, tun es auch alle
Scheinbilder, die von der Gravitationslinse erzeugt werden. Das
Licht wird jedoch, abhängig von der Länge des genommenen Weges, zu
unterschiedlichen Zeiten in den Scheinbildern aufflackern. Die
«Zeitverzögerung» zwischen den Scheinbildern beträgt Wochen bis
Monate, abhängig von der Galaxie. Sie sind der Schlüssel für die
Altersmessung des Weltalls.
Berechnung von 10 Linsen
«Wir haben zehn Gravitationslinsen ausgewählt, von denen in
der Literatur genaue Messungen der Zeitverzögerung und andere
Eigenschaften bekannt waren und haben jede dieser Beobachtungen
detailliert mit Einsteins Feldgleichungen von 1916 verglichen, um
das Gravitationsfeld zu bestimmen», sagt Mitautor Jonathan Coles
von der Universität Zürich. «Diese Berechnungen erlauben uns, die
beobachteten Zeitverzögerungen in Messungen der Hubble Zeit
umzuwandeln.»
«Sjur Refsdal's Erkenntnis, dass die Zeitverzögerung durch
Gravitationslinsen eine beschleunigte Version des Alters des
Weltalls ist, ist eine verlockende Idee. Wissenschaftler haben sie
seit vielen Jahren für Beobachtungen angewandt», sagt der Mitautor
Prasenjit Saha, ebenfalls von der Universität Zürich. «Frühere
Studien haben jedoch nur eine oder wenige Linsen verwendet, und
deshalb blieben diese Ergebnisse sehr ungenau. Durch die
gleichzeitige Berechnung von 10 Linsen wird die Ungenauigkeit auf
15% verringert und wir kommen auf ein Alter des Weltalls von 13.5
Milliarden Jahre.»
