Medienmitteilung vom 23.04.2007
MedienmitteilungAlkohol und Drogen während der Schwangerschaft: Langzeitstudien belegen schädliche Folgen
Alkohol- und Drogenkonsum während der Schwangerschaft ist schädlich für das Kind. Dass die so verursachten Schäden dauerhaft sind, zeigen nun zwei Langzeitstudien von Prof. Hans-Christoph Steinhausen, Ordinarius für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Zürich und deutschen Forschern. Bei der Studie zu den Auswirkungen des Alkoholkonsums handelt es sich um die weltweit längste Beobachtung an Menschen mit Fetalen-Alkohol-Spektrumsstörungen FASD (The Journal of Pediatrics, Volume 150, Issue 2). Die Studie zum Drogenkonsum kommt zum Schluss, dass die gemeinsame Rehabilitation von drogenkranken Müttern und ihren Kindern ein Erfolg versprechendes Modell ist (European Addiction Research, Volume 13, Issue 2; European Child & Adolescent Psychiatry, Volume 15, Issue 8).
Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts sind die
dramatischen Auswirkungen des Konsums von Alkohol während der
Schwangerschaft auf das sich entwickelnde Kind bekannt. Medizinisch
werden sie heute als Fetale-Alkohol-Spektrumsstörungen (FASD)
bezeichnet. Bei Fällen mit schwerer Schädigung resultieren
Kleinwuchs, äussere und innere Missbildungen verschiedenen Grades,
geistige Behinderung und verschiedene psychische Störungen, die
sich nicht selten als Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung
(ADHS) manifestieren.
Hans-Christoph Steinhausen, Ordinarius für Kinder- und
Jugendpsychiatrie an der Universität Zürich, hat in mehreren
Langzeitstudien in Zusammenarbeit mit Hans-Ludwig Spohr (Professor
und Kinderarzt in Berlin) an Kindern in Deutschland die Folgen für
die längerfristige Entwicklung untersucht. Anknüpfend an ihre
Veröffentlichung im Jahr 1993 zu Zehn-Jahres-Verläufen haben die
beiden Forscher nun in Zusammenarbeit mit Judith Willms ihre
Langzeitbeobachtungen über Zwanzig-Jahres-Verläufe von Patienten
mit FASD publiziert.
Obwohl die charakteristischen Missbildungen im Schädel- und
Gesichtsbereich sich zurückbilden, bleiben der Kleinwuchs und beim
männlichen Geschlecht das Untergewicht bestehen, während bei Frauen
das Körpergewicht zunimmt. Besonders bedrückend sind die bleibenden
Einschränkungen der geistig-seelischen Entwicklung mit einem hohen
Anteil an geistiger Behinderung, stark eingeschränkten
Beschäftigungsmöglichkeiten, bleibender Abhängigkeit von Versorgung
und zahlreichen Verhaltensauffälligkeiten, unter denen Symptome von
ADHS besonders markant sind.
Die Studie stellt Ergebnisse der weltweit längsten
Beobachtung an Menschen mit FASD vor. Die Befunde sind bedeutsam,
weil sie die auch durch Behandlung meist irreversiblen Schädigungen
durch übermässigen Alkoholgenuss während der Schwangerschaft
dokumentieren. Die Menge des täglichen Alkoholkonsums, ab dem mit
Schädigungen des ungeborenen Kindes zu rechnen ist, kann zwar noch
nicht zweifelsfrei bestimmt werden, doch gilt die Empfehlung, sich
auf maximal ein Glas täglich zu beschränken.
Drogenkonsum, Intelligenz und Verhalten
Eine weitere Studie von Hans-Christoph Steinhausen und seiner
Arbeitsgruppe widmet sich den Folgen von Drogenkonsum während der
Schwangerschaft. Untersucht wurden Kinder, die gemeinsam mit ihren
Müttern in zwei Schweizer Einrichtungen für drogenkranke Mütter in
einem Rehabilitationsprogramm stationär betreut wurden. Nebst den
Auswirkungen von sogenannt harten Drogen während der
Schwangerschaft wurden auch biologische Risiken während der
Schwangerschaft, der Geburt und in der Neugeborenperiode sowie
einige risikoreiche Umwelt- und Lebensbedingungen erforscht. Zu
letzteren zählen u.a. die Grösse des familiären Netzes, Merkmale
der Drogenkarriere sowie die Intelligenz und psychische
Auffälligkeiten der Mütter. Im Fokus der Fragestellung stand die
Entwicklung von Intelligenz und Verhalten der Kinder.
Die mittlere Intelligenz lag in der untersuchten Gruppe von
Kindern die von Säuglingen bis zu Schulkindern reichte unter
der Norm der Bevölkerung, und der Anteil an Kindern mit
unterdurchschnittlicher Intelligenz war bedeutsam erhöht. Die
sogenannte Handlungsintelligenz stand in einer systematisch
negativen Beziehung zum Ausmass des Drogenkonsums während der
Schwangerschaft. Diese Negativ-Beziehung war vornehmlich durch den
Konsum von Heroin oder Methadon geprägt. Keiner der umweltbedingten
Risikofaktoren zeigte eine derartige Beziehung zur Intelligenz.
Damit belegt dieser Teil der Studie die ungünstigen Auswirkungen
des Drogenkonsums während der Schwangerschaft auf die geistige
Entwicklung der Kinder.
Andere Beziehungen zu den untersuchten Risikofaktoren wurden
im Falle von Verhaltensauffälligkeiten dieser Kinder aufgedeckt: Es
zeigte sich, dass psychische Störungen der Mütter, deren niedriger
Bildungsstand sowie ein kleines soziales und familiäres Netz mit
Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern einhergingen. Die
verschiedenen biologischen Risikofaktoren spielten dabei keine
bedeutsame Rolle. Der stärkste Zusammenhang konnte zwischen
kindlichen Verhaltensauffälligkeiten und mütterlichen, psychischen
Störungen nachgewiesen werden. Dies spricht dafür, dass die
gemeinsame Rehabilitation von drogenkranken Müttern und ihren
Kindern die in den an dieser Untersuchung beteiligten
Einrichtungen praktiziert wurde ein Erfolg versprechendes Modell
ist.
