Medienmitteilung vom 01.02.2007
MedienmitteilungAuf der Spur des unsichtbaren Lebens in unserer Umwelt
Ein neues Verfahren zur Analyse von Genomsequenzen erlaubt erstmals quantitative Rückschlüsse auf die Identität und Evolution verborgener Bakterien. Über das Verfahren, das an der Universität Zürich mitentwickelt worden ist, wird am Donnerstag in «Science» berichtet.
Unsere Umwelt wird zu einem Grossteil von Mikroorganismen
dominiert. Schätzungen zufolge machen sie mehr als einen Drittel
der Biomasse des Planeten aus, und bezogen auf die Anzahl der
Individuen sind sie erfolgreicher als jede andere Lebensform. Man
findet sie in Wasser, an Land, auf und in unseren Körpern, und sie
beeinflussen globale Nährstoffkreisläufe, das Klima, und unsere
Gesundheit. Umso überraschender ist es, dass man trotz
jahrzehntelanger Forschung recht wenig über die meisten der
natürlich vorkommenden Bakterienarten weiss. Umweltbakterien lassen
sich nämlich, im Gegensatz zu Krankheitserregern, im Labor oft
nicht kultivieren. Sie sterben ab, sobald sie in einer Nährlösung
isoliert werden.
Ein neues Verfahren zur Analyse von Genomsequenzen, das an
der Universität Zürich mitentwickelt worden ist, ermöglicht nun
erstmals einen analytischen Blick in die Erbsubstanz dieser
«verborgenen» Mikroorganismen. Das Verfahren wird am Donnerstag im
Wissenschaftsmagazin «Science» veröffentlicht, und geht auf eine
Zusammenarbeit von Prof. Christian von Mering, Institut für
Molekularbiologie, mit Forschern in den USA und Deutschland zurück.
Metagenomik erforscht Gene ganzer Gemeinschaften
«Wir basieren unsere Analyse auf Daten von Genomprojekten»,
erklärt Christian von Mering. Erst kürzlich haben Forscher damit
begonnen, die Genome von Mikroben direkt aus der Umwelt zu
sequenzieren, ohne sie vorher im Labor zu züchten. «Diese so
genannte Metagenomik ist für uns sehr interessant, weil sie
erstmals einen unverfälschten Einblick auf die Vielfalt der
Organismen in einer bestimmten Umweltprobe ermöglicht», so Prof.
von Mering.
Von Mering und seine Kollegen analysierten Genomdaten aus
eine Reihe von Umweltproben: Erdboden, Meerwasser,
Minensickerwasser, und sogar von einem unterseeischen Wal-Skelett.
In jeder dieser Proben fanden sie hunderte oder gar tausende
verschiedener Bakterienarten wild durcheinander gemischt, ohne
dass eine eindeutige Zuordnung ersichtlich war. «Wir mussten erst
lernen, mit diesen Daten umzugehen», so von Mering.
«Bis anhin sind immer nur einzelne Organismen sequenziert
worden, nie ein ganzes Ökosystem.» Nach und nach entwickelte das
Team Verfahren, um aus der Masse der Genomdaten diejenigen Gene zu
filtern, die Rückschlüsse auf die Identität der Bakterien erlauben.
Zusammen mit der Arbeitsgruppe von Peer Bork vom Europäischen
Molekularbiologie Labor, Heidelberg, konnten die Umweltbakterien so
in den «Baum des Lebens» eingeordnet werden, d.h. in die
Verwandtschaftsbeziehungen bereits bekannter Bakterien.
Mikroben wechseln Lebensraum selten
«Viele dieser Bakterien sind nur sehr entfernt verwandt mit
bekannten Arten», so Peer Bork. «Das deutet darauf hin, dass noch
sehr viel mehr Arten zu entdecken sind als wir bis jetzt bereits
kennen.» Besonders spannend waren die Unterschiede zwischen den
einzelnen Proben. In jeder der Proben fanden sich Arten, die in den
anderen Proben fehlten, und die anscheinend spezifisch an ihre
Umwelt angepasst waren. «Bisher ist man davon ausgegangen, dass
Mikroben Generalisten sind, d.h. an vielen Orten erfolgreich
existieren können,» sagt von Mering. «Unsere Daten deuten aber
darauf hin, dass die meisten Mikroben sich auf eine bestimme Nische
festlegen und dort viele Millionen Jahre verbleiben. Das würde auch
erklären, warum sie sich weigern im Labor zu wachsen.»
Zusammen mit Forschern vom Joint Genome Institute in
Kalifornien ist das Team auch der Frage nachgegangen, ob die
Evolution in allen Teilen unserer Umwelt gleich schnell
voranschreitet. Die Geschwindigkeit der Evolution kann man an der
Häufigkeit von Mutationen abschätzen, d.h. an Sequenzveränderungen
in bereits bekannten Genen. Tatsächlich stellten sich bald
Unterschiede heraus: Organismen im Meerwasser beispielsweise
verändern sich deutlich schneller als Organismen im Erdboden. Dazu
sagt Prof. von Mering: «Wir können also tatsächlich aus der
Momentaufnahme der Genomsequenzen etwas über die Biologie und
Ökologie der Mikroben lernen. Zumindest bis es uns gelingt, mehr
Mikroben im Labor zu züchten, werden wir also noch oft die Hilfe
der Sequenzierroboter brauchen.»

