Medienmitteilung vom 14.02.2007
MedienmitteilungDer Ursprung dunkler Galaxien
Ein Forschungsteam um Prof. Lucio Mayer von der Universität Zürich beschreibt in einem neuen Modell, wie dunkle Galaxien entstanden sind. Ursprünglich verfügten diese Galaxien über einen normalen Anteil leuchtender Materie. Erst im Kontakt mit grösseren Galaxien wie der Milchstrasse verloren sie die leuchtende Materie und wurden dunkel. Die Studie über die Entstehung dunkler Galaxien erscheint am 15. Februar 2007 in der Wissenschaftszeitschrift «Nature» (volume 445, issue 7218).
Eine der interessantesten Eigenheiten der Galaxien unseres
Universums ist die Tatsache, dass sie grosse Mengen einer
mysteriösen Form von Materie enthalten. Diese Materie offenbart
sich durch ihre Gravitationswirkung auf normale Materie wie Gas und
Sterne, sendet aber kein Licht aus. Die Beschaffenheit dieser so
genannt dunklen Materie ist eines der grossen Rätsel der modernen
Physik. Ebenfalls ungeklärt ist, weshalb der relative Anteil von
dunkler Materie im Vergleich zu normaler Materie umso grösser wird,
je kleiner die Galaxie ist. So besteht beispielsweise unsere
Galaxie aus etwa gleich viel normaler wie dunkler Materie.
Demgegenüber enthalten Galaxien, die einige tausend Mal kleiner
sind und im Weltall recht häufig vorkommen, bis zu hundert Mal mehr
dunkle als normale Materie.
In der Astrophysik hat man sich lange gefragt, ob es eine
grundlegende Eigenschaft dunkler Materie ist, dass ihr Vorkommen
mit abnehmender Grösse einer Galaxie zunimmt und ob dies gar ein
entscheidendes Merkmal dafür ist, wie Strukturen im Weltall
wachsen. Seit einiger Zeit kennt man jedoch noch eine weitere
Besonderheit der dunkelsten Galaxien: Man weiss, dass sie keine
einzelnen Objekte sind, sondern sich tendenziell um massivere
Galaxien häufen. Die bekanntesten Beispiele hierfür umkreisen
unsere Milchstrasse. Solche winzigen «Satelliten»-Galaxien nennt
man Zwergsphäroide, weil sie im Gegensatz zur Milchstrasse oder
anderen grossen Galaxien, die scheibenförmig aussehen, klein und
eher kugelähnlich (sphäroid) sind.
Prof. Lucio Mayer vom Institut für Theroretische Physik der
Universität Zürich hat mit den ehemaligen PhD-Studierenden der UZH
Stelios Kazantzidis (heute Stanford University/University of
Chicago) und Chiara Mastropietro (heute Universität München) sowie
James Wadsley (McMaster University) mit Hilfe von Simulationen
sowohl dunkle Materie als auch normale Materie wie Sterne und Gas
nachgeahmt. Sie haben mit den derzeit leistungsfähigsten
Supercomputern der Welt, einschliesslich der «ZBox1»- und
«ZBox2»-Supercomputer der Universität Zürich, die Gleichungen
gelöst, die für ihre Entstehung im Weltall massgebend sind. Damit
haben sie Licht in die noch dunkle Herkunft dieser kleinen Galaxien
gebracht und vor allem neue Erkenntnisse darüber gewonnen, weshalb
diese Zwerggalaxien einen so grossen Anteil an dunkler Materie
besitzen.
Normale Materie verloren
Die Simulationen haben gezeigt, dass diese kleinen Galaxien
ursprünglich aus relativ normalen Anteilen an dunkler und
gewöhnlicher Materie bestanden haben. Dann haben sie jedoch
aufgrund ihrer Interaktion mit massiveren Galaxien wie
beispielsweise der Milchstrasse einen Grossteil ihrer normalen
Materie verloren. «Wenn eine kleine Galaxie vor zehn Milliarden
Jahren in die Nähe einer massiven Galaxie geriet, wurde sie durch
ihre Gezeitenkraft erfasst, gedehnt und beim Eindringen in den
gasförmigen Halo der grösseren Galaxie einem hydrodynamischen Wind
ausgesetzt», erklärt Prof. Lucio Mayer. Vor vielen Milliarden
Jahren war das Universum zudem durchdrungen von hochenergetischen
ultravioletten Photonen, die damals in einem viel schnelleren
Rhythmus entstanden als heute. Die gravitationsbedingte
Gezeitenkraft führte dazu, dass sowohl dunkle als auch normale
Materie von den Zwerggalaxien abgestreift wurde. Der Wind und die
ionisierende Strahlung wirkten jedoch nur auf die normale Materie,
weil dunkle Materie ausschliesslich auf die Schwerkraft reagiert.
Der starke Wind reichte aus, um alles Gas von der
Zwerggalaxie abzutrennen, weil das Gas aufgrund der ionisierenden
Strahlung heiss und nur schwach an die Galaxie gebunden war.
«Letztlich wurde so bis zu mehrere Hundert Mal mehr normale Materie
als dunkle Materie von der kleinen Galaxie abgestreift», so Mayer.
Was schliesslich zurückblieb, war eine winzige leuchtende Galaxie,
die nach wie vor umgeben war von einer grossen Hülle dunkler
Materie. Mit diesem Modell lässt sich im Übrigen auch erklären,
weshalb Zwergsphäroide kugelförmig sind und nicht scheibenförmig
wie die Milchstrasse: Die Gezeitenwirkung massiver Galaxien
verursacht auf natürliche Weise eine Störung der scheibenartigen
Form und führt zu einer kugelförmigeren Verteilung der Sterne.
Die Autoren gehen davon aus, dass in der Weite des Alls noch
eine sehr grosse Zahl von winzigen dunklen Galaxien verborgen sind,
die darauf warten, entdeckt zu werden. Heute sind diese
Zwerggalaxien kaum mehr sichtbar, weil durch die Abstreifprozesse
nur wenige Sterne oder Gasknoten übrig geblieben sind. Mit den
neuen leistungsstarken Teleskopen, die bald hergestellt werden,
können sie aber aufgespürt werden. In den letzten Monaten
vermeldete das Team des Sloan Digital Sky Survey, das riesige
hochauflösende Aufnahmen von Galaxien erstellt und unter anderem
von der NASA betrieben wird, bereits neue Entdeckungen. Falls sich
diese Erkenntnisse bestätigen, könnte ein altes Problem gelöst
werden, das sich durch das Standardmodell der Kosmologie stellt:
Dieses besagt, dass es weit mehr winzige Galaxien rund um die
Milchstrasse geben muss, als bisher tatsächlich beobachtet worden
sind.




