Medienmitteilung vom 19.09.2007
MedienmitteilungDie ersten Europäer vor 1,7 Millionen Jahren konnten laufen und gehen wie wir
Die Hominiden aus dem georgischen Dmanisi sind die frühesten Vertreter unserer Gattung ausserhalb Afrikas. Neue Funde zeigen jetzt, dass diese ersten Europäer schon gehen und laufen konnten wie moderne Menschen. Die Studie, an der Forscher des Anthropologischen Institutes der Universität Zürich beteiligt waren, erscheint am 20.9.2007 in «Nature».
Bis jetzt stützten sich die Kenntnisse über die ursprünglichste
Population des Homo erectus, die Dmanisi-Menschen, vor allem auf
Schädel- und Kieferfunde. Teile des restlichen Skeletts, des so
genannten postkranialen Skelettes, hatte man noch nicht gefunden,
so dass nur wenig über den zweibeinigen Gang, die Arme und Hände
bekannt war. Im letzten Jahr sind nun auch Teile des Rumpfskeletts
und der Gliedmassen von vier Dmanisi-Hominiden gefunden worden.
Viele dieser Knochen wurden bei fossilen Hominiden zum ersten Mal
entdeckt. Diese neuen Funde konnten dank individueller anatomischer
Merkmale den früher gefundenen Schädeln zugeordnet werden.
«Erstmals lässt sich aus diesem Puzzle ein Gesamtbild des Skelettes
der Plio-Pleistozänen-Hominiden rekonstruieren», erklärt Prof.
Christoph P.E. Zollikofer, der zusammen mit Marcia S. Ponce de Léon
und Tea Jashashvili von der Universität Zürich dem internationalen
Forschungs-team angehört.
Dmanisi-Hominiden waren klein und hatten kleines Gehirn
Die Analysen der neuesten Funde zeigen, dass die Dmanisi nur
etwa 150 Zentimeter gross waren. Sie waren also kleiner als der
afrikanische Homo erectus. Erstaunlich klein war auch das Gehirn
der Dmanisi-Hominiden, zwischen 600 und 800 Kubikzentimeter,
während das des modernen Menschen zwischen 1200 und 1800
Kubikzentimeter misst. Im Vergleich zur Körpergrösse war ihr Gehirn
so klein wie das der allerersten Vertreter der Gattung Homo aus
Afrika, auf jeden Fall klei-ner als das des Homo erectus in Afrika
und Asien.
Gehen und laufen wie moderne Menschen
Einer der erstaunlichsten Befunde ist, dass die
Dmanisi-Hominiden im Wesentlichen bereits die gleichen
Körperproportionen wie moderne Menschen hatten: die Beine sind
bedeutend länger als die Arme und die Oberschenkel sind länger als
die Oberarme. Die Wirbelsäule zeigt ebenfalls die Form eines S, und
das Fussgewölbe ist gut ausgebildet. «Alle diese Merkmale sind ein
untrügliches Zeichen für den federnden zweibeinigen Gang, der es
erlaubt, weite Strecken gehend, laufend oder rennend
zurückzulegen», fasst Prof. Zollikofer zusammen.
Schultern und Arme unterscheiden sich
Die Schultern und Arme der Dmanisi-Menschen waren hingegen
auf subtile Weise anders gebaut als bei uns. Beim modernen Menschen
liegen in Ruhestellung die Schulterblätter am Rücken, während
gleichzeitig die Handflächen nach innen gedreht sind. Dies wird
durch eine starke Torsion des Oberarmknochens gewährleistet. Damit
kann die Aussendrehung des Schultergelenks durch eine Innendrehung
des Ellbogengelenks kompensiert werden. Bei den Dmanisi-Hominiden
wiesen die Oberarmknochen keinerlei Torsion auf; gleichzeitig waren
die Schulterblätter aber so gebaut, dass sie mehr Bewegungsfreiheit
erlaubten. «Funktionell können wir zurzeit nur soviel sagen, dass
sich die Armbewegungen der Dmanisi-Hominiden von unseren
unterschieden», erklärt Prof. Zollikofer. «Sie hinderten die
Hominiden aber nicht daran, verschiedenste Steinwerkzeuge
herzustellen und Grosswildknochen aufzubrechen, um ans Mark zu
gelangen.»
Aus der Gegenwartsperspektive erscheinen uns die
Dmanisi-Hominiden also als eigenartige Mosaikwesen, die moderne und
altertümliche Merkmale in ein und demselben Körper vereinen. Aus
der Perspektive der Dmanisi-Hominiden war das natürlich nicht der
Fall. Sie waren Menschen, die an ihre Umgebung gut angepasst waren
und über eine Sozialstruktur und kognitive Fähigkeiten verfügten,
die auch das Überleben von alten und behinderten Gruppenmitgliedern
ermöglichte.

