Medienmitteilung vom 18.07.2007
MedienmitteilungElternkonflikte bei Pflanzen weibliches Wachstums-Gen setzt sich durch
Forscher der Universität Zürich konnten erstmals eine zentrale Rolle von Elternkonflikten für die Entstehung von so genannt geprägten Genen nachweisen. Diese sind im Gegensatz zu normalen Genen je nach Abhängigkeit von ihrem elterlichen Ursprung aktiv oder inaktiv. Damit konnte die «Parental Conflict Hypothesis» für die Evolution geprägter Gene belegt werden, wie Prof. Ueli Grossniklaus in der neuesten Ausgabe von «Nature» (Volume 446, Issue 7151) berichtet.
Dass es rund um die Fortpflanzung zu erheblichen Konflikten
zwischen weiblichen und männlichen Interessen kommen kann, ist
bekannt. Weniger bekannt dagegen ist, dass sich dieser Konflikt
bereits auf genetischer Ebene abspielt. Vater und Mutter vererben
je einen kompletten Satz Gene an ihre Nachkommenschaft. Wir
besitzen also von jedem Gen zwei Kopien, die in der Regel beide
gleich aktiv sind. Die Ausnahme bilden eine kleine Gruppe
wachstumsregulierender Gene, bei denen entweder nur die väterliche
oder die mütterliche Kopie aktiv ist. Solche Gene nennt man
genetisch geprägte Gene. Diese erlauben Vater und Mutter, ihre
unterschiedlichen Interessen über die Befruchtung der Eizelle
hinaus mit geprägten Genen durchsetzen zu können. Väter möchten
möglichst grosse, schwere Nachkommen, da diese bessere
Überlebenschancen haben; deshalb aktivieren Väter Gene, die das
Wachstum des Embryos auf Kosten der Mutter fördern. Mütter dagegen
müssen mit ihren Ressourcen haushälterisch umgehen, um sie auf
mehrere Nachkommen verteilen zu können; deshalb aktivieren Mütter
Gene, die das Wachstum des Embryos limitieren. Eine solche
Situation wird in der Biologie als genetischer Elternkonflikt
bezeichnet. Bislang wurde vermutet, dass elterliche Konflikte zur
genetischen Prägung von wachstumsregulierenden Genen führen. Sind
geprägte Gene von einer Mutation betroffen, ergeben sich
ungewohnte, elternabhängige Vererbungsmuster, die die Grösse der
Nachkommenschaft beeinflussen (siehe Bild).
Weibliches Wachstums-Gen setzt sich durch
Ein Zürcher Forscherteam hat nun erstmals eine Rolle des
Elternkonflikts in der Evolution der genetischen Prägung
nachgewiesen und im Wissenschaftsmagazin «Nature» publiziert. Ueli
Grossniklaus, Professor für Pflanzenentwicklungsgenetik an der
Universität Zürich, untersuchte mit seinem Team das so genannte
Medea-Gen der Ackerschmalwand (Arabidopsis thaliana), dem
bevorzugten Objekt der Pflanzenbiologen. Bisher ging man davon aus,
dass es sich bei Medea um ein sehr altes, ursprüngliches Gen
handelt.
Grossniklaus und sein Team fanden heraus, dass das Medea-Gen
erst spät in der Evolutionsgeschichte vor rund 35 bis 85 Millionen
Jahren entstanden ist. Am Anfang der Entwicklung von Medea steht
die Verdoppelung einer genomischen Region, die etwa vierzig Gene
enthält. «Durch diese Verdoppelung sind freie Ressourcen für
genetische Veränderungen entstanden», erklärt Prof. Grossniklaus.
Im Lauf seiner Entwicklung hat das Medea-Gen eine neue Funktion
erworben: Es steuert unter anderem das Wachstum des Nährgewebes für
die Embryonen.
In Übereinstimmung mit der Elternkonflikt-Hypothese wurde das
wachstumsregulierende Medea-Gen der genetischen Prägung
unterworfen. Die Vorläufergene von Medea dagegen haben ihre
angestammte Funktion behalten und sind normal reguliert, also
genetisch nicht geprägt. Beim geprägten Medea-Gen ist nur das
mütterliche Medea-Gen aktiv, das väterliche ist stillgelegt. «Der
väterliche Einfluss für das Wachstum der Embryonen ist
ausgeschaltet worden», erläutert Grossniklaus das Resultat. «Das
mütterliche Genom hat das Sagen. Es steuert diesen
Entwicklungsprozess.»
Elternkonflikt führte zu evolutionärem Wettrennen
In Zusammenarbeit mit Kollegen aus Irland und Deutschland
gelang es der Zürcher Forschungsgruppe weiter, die
Entstehungsgeschichte des Medea-Gens zu entschlüsseln. Die
natürliche Darwinsche Selektion hinterlässt in den DNA-Sequenzen
ihre Spuren, so dass aus der statistischen Analyse von
Medea-Sequenzen verschiedener Arten Schlüsse über die
Evolutionsgeschichte von Medea gezogen werden können. Es zeigt sich
nun, dass sich das Medea-Gen nach seiner Entstehung schnell
veränderte und positiv selektioniert wurde, wie dies von der
Elternkonflikt-Hypothese vorausgesagt wird. Dies legen die
Sequenzanalysen des Medea-Gens in mehreren Populationen von
Arabidopsis thaliana und der eng verwandten Arabidopsis lyrata
nahe.
Die Vorfahren dieser beiden Arabidopsisarten pflanzten sich
nur durch Auskreuzen fort. Bei Arabidopsis lyrata ist dies immer
noch der Fall. Dort sind die Spuren der Selektion gut sichtbar.
Arabidopsis thaliana dagegen bestäubt sich selbst und kennt deshalb
auch keinen Elternkonflikt. Dort weist das Medea-Gen nur wenige
Veränderungen auf. «Der genetische Elternkonflikt hat die Evolution
des Medea-Gens vorangetrieben», fasst Ueli Grossniklaus das
evolutionäre Wettrennen bei der auskreuzenden Arabidopsis Art
zusammen.
Die Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät MNF ist eine der sieben Fakultäten der Universität Zürich. Mit ihren rund 150 Professorinnen und Professoren lehrt und forscht die MNF auf höchstem Niveau in den Fachbereichen Geografie und Umweltwissenschaften, Biologie (u.a. Pflanzenbiologie, Zoologie, Anthropologie und Paläontologie), Chemie und Biochemie, Mathematik und Physik (u.a. reine Mathematik, angewandte Mathematik, theoretische Physik, Experimentelle Physik, Teilchenphysik).

