Medienmitteilung vom 03.12.2007
MedienmitteilungGenau wie wir: Weissbüscheläffchen nehmen Rücksicht auf andere
Forscher der Universität Zürich konnten zeigen, dass sich Weissbüscheläffchen prosozial verhalten und um das Wohl ihrer Artgenossen kümmern. Bisher war man davon ausgegangen, dass dieser Altruismus nur den Menschen eigen ist, da nicht einmal die nächsten Verwandten, die Schimpansen, sich so verhalten. Einzigartig bei den Weissbüscheläffchen ist zudem, dass wie bei den Menschen viele Gruppenmitglieder und nicht nur die Mütter die Kinder aufziehen. Die Anthropologen Judith Burkart und Carel van Schaik gehen deshalb davon aus, dass der Übergang zur kooperativen Jungenaufzucht die Menschwerdung in Gang gebracht hat.
Während mindestens 200 Jahren glaubten Ökonomen, dass Menschen
unverbesserlich egoistisch handeln würden. Allerdings zeigte in den
letzten Jahren eine grosse Anzahl von Arbeiten, dass dieser
propagierte «homo oeconomicus» mehr Mythos denn Realität ist. In
Tat und Wahrheit sind wir Menschen bemerkenswert kooperativ und
unterscheiden uns in dieser Eigenschaft von allen Affenarten.
Menschen helfen und sind grosszügig auch gegenüber fremden Leuten
und dies häufig in völlig anonymen Situationen. Diese
Verhaltensweisen basieren auf einer Psychologie von spontaner
Besorgnis um das Wohlergehen von anderen und wird von Ökonomen als
«other-regarding preference» bezeichnet, eine Prädisposition für
rücksichtsvolles Verhalten.
Experimente mit Schimpansen haben unlängst
überraschenderweise gezeigt, dass kooperatives Verhalten bei
Schimpansen nicht wie bei uns auf der Besorgnis um das Wohlergehen
des Partners beruht, sondern vielmehr der Regel «Wie-du-mir,
so-ich-dir» folgt. Die meisten Primatologen folgerten daraus, dass
unser prosoziales Verhalten sich erst vor kurzem entwickelt hat und
einzigartig menschlich ist. Aber warum hat sich dieses einzigartige
Verhalten bei unseren Vorfahren entwickelt und nicht bei den
Vorfahren von anderen Menschenaffen?
Um diese Frage zu beantworten, haben Forscherinnen und
Forscher der Universität Zürich Experimente mit Weissbüscheläffchen
durchgeführt. Weissbüscheläffchen sind so genannte «cooperative
breeders», d.h. sie zeichnen sich durch gemeinsame, kooperative
Jungenaufzucht aus. Kooperative Jungenaufzucht bedeutet, dass alle
Gruppenmitglieder massgeblich bei der Aufzucht beteiligt sind, und
nicht nur die Mütter wie bei den anderen Affen. «Cooperative
Breeders» kooperieren auch in den meisten anderen Bereichen ihres
Lebens.
Rücksichtnahme ist nichts exklusiv Menschliches
Die Weissbüscheläffchen konnten in einem Spiel Futter für
andere spenden, ohne selbst etwas dafür zu erhalten und ohne die
Chance zu haben, selber im Gegenzug dafür vom Empfänger etwas zu
erhalten. Anders als Schimpansen, aber ebenso wie Menschen, spenden
die Weissbüscheläffchen freizügig für ihre Artgenossen. Diese
Resultate zeigen zum ersten Mal, dass echte Besorgnis um das
Wohlergehen von anderen nicht etwas exklusiv Menschliches ist, und
unterstützen die Hypothese, dass prosoziales Verhalten eine Folge
von kooperativer Jungenaufzucht ist. Die Studie, durchgeführt von
Dr. Judith Burkart und Prof. Carel van Schaik vom Anthropologischen
Institut in Zusammenarbeit mit Prof. Ernst Fehr und Dr. Charles
Efferson vom Institut für Empirische Wirt-schaftsforschung, alle
von der Universität Zürich, ist am 3.12.2007 in «The Proceedings of
the National Academy of Sciences USA (PNAS)» publiziert worden.
Prosoziales Verhalten und grosses Gehirn
Aus der Studie ergibt sich folgendes evolutionäre Szenario:
Irgendwann haben unsere Vorfahren begonnen, sich gemeinsam um das
Grossziehen der Kinder zu kümmern, was einen tiefgreifenden Bruch
mit dem typischen Lebensstil von anderen Affen darstellte. Obwohl
die Vorfahren der Weissbüscheläffchen eine ähnliche Veränderung
ihres Lebensstils vornahmen und sie wie die Menschen das zugehörige
prosoziale Verhalten entwickelten, gibt es einen wichtigen
Unterschied, der weitreichende Folgen für die Menschwerdung hatte.
Während das prosoziale Verhalten bei den Weissbüscheläffchen auf
ein typisches Tieraffenhirn traf, besassen die Vorfahren des
Menschen bereits ein sehr grosses Hirn. Dieses war mindestens so
gross wie bei den heutigen Menschenaffen und zu sehr komplexen
kognitiven Leistungen fähig. Dieses einzigartige Zusammentreffen
von Prosozialität und fortgeschrittener kognitiver
Leistungsfähigkeit dürfte eine Kettenreaktion von weiteren
Entwicklungen ausgelöst haben, die zu unserer ausschliesslich
menschlichen kognitiven Ausstattung geführt hat.
Nehmen wir als Beispiel die entscheidende Rolle, die
Erwachsene für die intellektuelle Entwicklung von Kindern spielen.
Wenn das Bedürfnis, den Kindern Essen zukommen zu lassen, sich auch
auf Information ausbreitet, d.h. wenn Erwachsene ein intrinsisches
Bedürfnis haben, Kindern wichtige Informationen zuzuführen, würde
dies automatisch die Evolution von gemeinsamer Aufmerksamkeit, von
Lehren und möglicherweise sogar Sprache begünstigen. Kurz, der
Übergang zur kooperativen Jungenaufzucht dürfte der springende
Punkt gewesen sein, der die Menschwerdung in Gang gebracht hat.


