Medienmitteilung vom 20.04.2007
MedienmitteilungHäufiger als angenommen: Schizophrene Symptome in der Bevölkerung
Die Schizophrenie gilt als seltene und besonders schwere psychische Erkrankung. Doch schizophrenietypische Symptome sind in der Allgemeinbevölkerung weitaus häufiger als bisher vermutet mit erheblichen, beruflichen und privaten Folgen für die Betroffenen. Dies zeigt eine aktuellen Studie der Forschungsgruppe von Prof. Wulf Rössler, klinischer Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Als mitbeteiligte Risikofaktoren werden Cannabiskonsum und ungünstige Lebensbedingungen in Kindheit und Jugend identifiziert. Gemäss den Ergebnissen dieser Studie ist Schizophrenie keine exotische Krankheit, und das voll ausgebildete Krankheitsbild bildet nur die Spitze des Eisbergs. Die Studie wurde in der Fachzeitschrift «Schizophrenia Research» (Volume 92, Issue 1-3) publiziert.
Die Schizophrenie gilt als seltene aber dafür umso schwerere
psychische Erkrankung. Sie tritt zumeist im jungen Erwachsenenalter
auf und hat erhebliche Folgen für die Betroffenen und die
Angehörigen. Aber auch die Gesellschaft insgesamt ist betroffen, da
sie die finanziellen Folgen dieser häufig zur Invalidisierung
führenden Erkrankung tragen muss.
In einer Bevölkerungsstudie konnte eine Forschungsgruppe der
Psychiatrischen Universitätsklinik um Professor Wulf Rössler und
Vladeta Ajdacic-Gross zeigen, dass einzelne typische
Schizophreniesymptome in der Allgemeinbevölkerung bemerkenswert
häufig sind weitaus häufiger als die Erkrankung selbst, deren
Häufigkeit in der Bevölkerung unter 1% liegt. So berichten fast 40%
der 20-jährigen, dass sie gelegentlich das Gefühl haben, dass man
ihre Gedanken kontrollieren könne, oder fast ein Viertel gibt an,
dass sie von Zeit zu Zeit Gedanken hätten, die nicht ihre eigenen
Gedanken seien. Noch häufiger finden sich Symptome, die als
Vorformen einer Schizophrenie betrachtet werden, wie z.B. bei über
40% der Befragten das Gefühl, von anderen beobachtet zu werden.
Rund 9% der Bevölkerung berichteten, mehrere dieser Symptome
gleichzeitig über viele Jahre hinweg erlebt zu haben, ohne dass bei
ihnen eine voll ausgeprägte Schizophrenie hätte diagnostiziert
werden können. Trotzdem bleibt ihr Leben davon nicht unberührt:
Viele Personen mit anhaltenden Symptomen, die aber klinisch nicht
zu einer Schizophreniediagnose führen, wiesen erhebliche Probleme
am Arbeitsplatz und ganz allgemein in persönlichen Beziehungen auf.
So ist bei ihnen z.B. das Risiko, Probleme mit dem Partner zu haben
oder vom Partner verlassen zu werden, doppelt so gross wie bei der
Allgemeinbevölkerung.
Bei der Analyse der Risikofaktoren erwies sich der häufige
Cannabisgebrauch im jungen Erwachsenenalter als ein wichtiger
Einflussfaktor für anhaltende Schizophreniesymptome. Dieses
Ergebnis stützt die Hypothese, dass der Cannabiskonsum die
Entwicklung von Psychosen begünstigt offensichtlich auch von
unterschwelligen Formen schizophrener Erkrankungen. Ein weiterer
wichtiger Risikofaktor sind ungünstige Lebens- und
Umweltbedingungen in Kindheit und Jugend. Dazu zählen unter anderem
chronische Krankheit der Eltern, häufige Streitigkeiten, harte
Bestrafung oder Vernachlässigung durch die Eltern. Ältere Theorien
über den Einfluss ungünstiger Lebens- und Umgebungsbedingungen auf
die Entwicklung schizophrener Erkrankungen erhalten durch dieses
Ergebnis neuen Auftrieb.
Die Forscher um Wulf Rössler machen darauf aufmerksam, dass
ihre Ergebnisse zur Entmystifizierung und damit zur
Entstigmatisierung schizophrener Erkrankungen beitragen können:
Schizophrenie ist kein exotisches Krankheitsbild, sondern in
abgeschwächten Formen in der Allgemeinbevölkerung weit verbreitet.
Das voll ausgeprägte Bild der Schizophrenie bildet nur die Spitze
des Eisbergs dieses Krankheitsspektrums.
Zum Begriff: Schizophrenie
Psychotische Störungen umfassen ein Spektrum
unterschiedlicher Störungsbilder von der Schizotypie über wahnhafte
Störungen bis hin zur schizophrenen Störung im engeren Sinne. Die
Schizophrenie ist die schwerste und wichtigste psychotische
Erkrankung. Je nach Störung treten Symptome wie Halluzinationen,
Wahn oder auch schwere Denk- und Verhaltensstörungen auf.
