Medienmitteilung vom 14.12.2007
MedienmitteilungJugendgewalt hat kaum zugenommen
Heute werden etwa gleich viele Jugendliche Opfer ernsthafter Formen von Gewalt wie vor acht Jahren. Dies zeigt eine Studie, die am Pädagogischen Institut der Universität Zürich mit finanzieller Unterstützung der Bildungsdirektion des Kantons Zürich realisiert wurde. Befragt wurden im Frühsommer 1999 und 2007 jeweils über 2500 Neuntklässlern im Kanton Zürich. Die schweizweit erste Untersuchung dieser Art stellt auch im Hinblick auf den Anteil an Gewalttätern kaum Veränderungen fest.
Zugenommen hat dagegen die Anzeigerate für Gewaltdelikte mit
Ausnahme von Sexualdelikten, wie die Kriminologen Denis Ribeaud und
Manuel Eisner an einer Medienkonferenz darlegten. Einige Formen von
Gewalt werden deutlich häufiger angezeigt als früher. So wird für
den häufigsten Typ von Gewalt, nämlich Körperverletzungen ohne
Waffen, mehr als eine Verdoppelung der Anzeigerate von 6 auf über
13 Prozent festgestellt. Dieser Anstieg trägt entscheidend zur
deutlichen Zunahme der Gewaltdelikte in der Kriminalstatistik bei
und stellt damit die öffentliche Diskussion um eine Zunahme der
Jugendgewalt in ein neues Licht, folgern die beiden Autoren.
Die erhöhte Anzeigerate ist auf den Einfluss Erwachsener im
Umfeld der Jugendlichen zurückzuführen, die zunehmend zur
Anzeigeerstattung raten. «Hinweise auf eine zunehmende Schwere der
Delikte als Ursache für die wachsenden Anzeigeraten konnten wir
dagegen nicht ausmachen», sagte Denis Ribeaud. Die zentralen
Befunde der Studie entsprechen weitgehend jenen aus anderen
europäischen Ländern wie Deutschland, Schweden oder den
Niederlanden.
Jugendliche stehlen weniger
Die Studie zeigt für andere Formen jugendlichen
Problemverhaltens fast durchgängig positive Entwicklungen. So sind
Massendelikte wie Schwarzfahren und verschiedene Formen von
Diebstahl in den letzten Jahren deutlich rückläufig. Jugendliche
konsumieren heute auch weniger illegale Drogen Cannabis genauso
wie «harte Drogen» als noch vor acht Jahren. Ebenfalls abgenommen
hat der Tabakkonsum. Der Alkoholkonsum ist dagegen stabil
geblieben.
Jüngere Sexualtäter
Die Studie zeigt aber auch problematische Entwicklungen auf.
So ist gemäss den Angaben der Opfer das geschätzte
Durchschnittsalter von Sexualtätern deutlich von 25 auf 21 Jahre
gesunken. Damit ist von einer Zunahme jugendlicher Täter von
Sexualdelikten auszugehen. Eine weitere kritische Entwicklung
stellt der wachsende Anteil an Mehrfachopfern dar. Dieser steht in
Zusammenhang mit den Befunden, dass Gewalttäter zunehmend auch
Opfer von Gewalt werden und dass Gewaltereignisse seit der letzten
Befragung seltener als psychisch belastend erlebt werden. «Dies
sind Hinweise für eine wachsende Konzentration von
Gewalterfahrungen in einem Milieu, in dem Gewalt als zunehmend
normal gilt», erklärt der Kriminologe Ribeaud.
Die aus den Polizeistatistiken hervorgehenden Unterschiede
zwischen Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Schweizer
Jugendlichen finden sich, wenn auch weniger ausgeprägt, auch in den
Befragungsdaten. Während rund 13 Prozent der Schweizer Jugendlichen
für das letzte Jahr eine Gewalttat zugaben, beträgt dieser Anteil
unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund rund 23 Prozent. An
diesem Verhältnis hat sich in den letzten acht Jahren kaum etwas
geändert.
Detailanalysen zum Anzeigeverhalten zeigen aber auch, dass
die Kriminalstatistik Herkunftsunterschiede deutlich überzeichnet.
Während mutmasslich schweizerische Täter in 8 Prozent der Fälle
angezeigt wurden, ist die entsprechende Rate bei Ausländern mit 16
Prozent doppelt so hoch.
Weniger Gewalt zu Hause
In Bezug auf verschiedene Risikofaktoren von Gewalt sind
einige bedeutende Entwicklungen zu verzeichnen. So zeigen die
Ergebnisse im Zeitvergleich eine zunehmende Distanzierung zwischen
Eltern und Kindern. Als positiven Aspekt dieser Entwicklung ist ein
geringeres Ausmass körperlicher Bestrafungen zu verzeichnen. Die
Ergebnisse zeigen auch ganz allgemein, dass Jugendliche deutlich
seltener Opfer von Gewalt im häuslichen und familiären Umfeld
werden. Diese Entwicklung hat aber auch eine Kehrseite: Die
Ergebnisse deuten auf ein tendenziell verringertes emotionales
Engagement der Eltern und besonders der Väter hin. Eine mögliche
Ursache dafür könnten veränderte Freizeitgewohnheiten sein. So
verbringen Jugendliche heute deutlich weniger Zeit mit ihren Eltern
als noch vor acht Jahren. Dagegen wird heute bedeutend mehr Zeit
mit Fernsehen, Surfen, Chatten und Computerspielen verbracht. Der
zunehmende Medienkonsum verdrängt nicht nur Aktivitäten mit den
Eltern, sondern auch mit Gleichaltrigen: In der aktuellen Befragung
gaben die Jugendlichen deutlich seltener an, ihre Freizeit etwa im
Ausgang zu verbringen als 1999.
Der gesamte Studienbericht wird voraussichtlich im März 2008
von der Bildungsdirektion des Kantons Zürich in Buchform
herausgegeben.
