Medienmitteilung vom 03.08.2007
MedienmitteilungMeilenstein für das Verständnis der Entstehung der Pflanzenarten
Pflanzenbiologen vermuteten seit längerem, dass bei Blütenpflanzen zwei Zellen des weiblichen Geschlechtsapparates beim Befruchtungsvorgang eine zentrale Funktion zukommt. Eine Forschungsgruppe der Universität Zürich hat nun erstmals zeigen können, dass die beiden Zellen den Befruchtungsprozess effektiv steuern und auch bei der Entstehung der Pflanzenarten eine Schlüsselrolle gespielt haben. Die Studie ist in der heute erschienenen Ausgabe von «Science» publiziert worden (Volume 317, Issue 5838).
Wie eigentlich kommt ein Spermium zur Eizelle? Bei Säugetieren
bewegen sich die männlichen Geschlechtszellen selbst fort: Sie
schwimmen, sobald sie den männlichen Körper verlassen haben, aktiv
auf die zu befruchtende Eizelle zu. Ganz anders bei Blütenpflanzen:
Ihre Spermien sind unbeweglich. Damit weibliche und männliche
Geschlechtszellen miteinander verschmelzen können, brauchen die
Spermien ein Transportmedium den Pollen. Dieser keimt und bildet
den Pollenschlauch aus. Sobald der Pollenschlauch den Embryosack
mit der Eizelle erreicht hat, bricht er auf und setzt die beiden
Spermien frei.
Anders bei der Feronia-Mutante der Ackerschmalwand
Arabidopsis thaliana, welche den Pflanzenbiologen als Modellpflanze
dient. Auch bei der Feronia-Mutante dringt der Pollenschlauch in
den Embryosack vor. Die Spermien aber werden nicht freigesetzt: Die
Befruchtung unterbleibt. Dieses seltsame Phänomen brachte die
Forschungsgruppe von Ueli Grossniklaus, Professor für
Pflanzenentwicklungsgenetik an der Universität Zürich, auf die
heisse Spur: Die bahnbrechenden Resultate der rund zehnjährigen
Forschungsarbeiten sind jetzt im Wissenschaftsjournal «Science»
publiziert worden.
Kommunikation zwischen Schloss und Schlüssel
Für das richtige Verhalten des Pollenschlauchs Andocken am
Embryosack und Freisetzen der Spermien sind, so die neuen
Erkenntnisse, zwei Zellen des weiblichen Geschlechtapparates
verantwortlich. Diese beiden Zellen werden als Synergid-Zellen
bezeichnet. «Die beiden Synergid-Zellen funktionieren ähnlich wie
ein Türschloss», fasst Juan Miguel Escobar die Resultate seiner
Dissertation zusammen. «Schloss und Schlüssel müssen
zusammenpassen, damit das Tor sich öffnet.» Die Synergid-Zellen
kommunizieren mittels Enzymen, so genannten Kinasen, mit dem
Pollenschlauch.
Im Fall der Mutante Feronia ist das Feronia-Gen in den
Synergid-Zellen defekt: Die Synergid-Zellen erkennen den
Pollenschlauch nicht und kommunizieren folglich nicht mit ihm. Der
Pollenschlauch wächst im Embryosack weiter, ohne zu erkennen, dass
er am Ziel angelangt ist. Folge davon: Die Spermien werden nicht
freigesetzt, die Eizellen nicht befruchtet. «Wenn das Schloss
kaputt ist, hilft auch der richtige Schlüssel nicht weiter», bringt
Escobar den Sachverhalt auf den Punkt.
Das gleiche Phänomen konnten die Forscher auch beobachten,
wenn sie die Ackerschmalwand mit artfremdem Pollen von Arabidopsis
lyrata bzw. Cardamine flexuosa bestäubten: Auch hier wächst der
Pollenschlauch im Embryosack weiter, die Freisetzung des Pollens
unterbleibt. Um bei Escobars Bild von Schloss und Schlüssel zu
bleiben: Nur der passende Schlüssel vermag das Schloss zu öffnen
und den Kommunikationsprozess zwischen weiblichen und männlichen
Zellen zu starten. Unterbleibt die Kommunikation, verläuft der
Befruchtungsversuch ergebnislos.
Fehlende Kommunikation verantwortlich für Entstehung der
Artengrenze
Mit diesem Schloss-und-Schlüssel-Prinzip schützen sich
Blütenpflanzen vor der Befruchtung mit artfremdem Pollen. Die
fehlende Kommunikation von weiblichen und männlichen Zellen spielt
für die Entstehung der Artengrenze die zentrale Rolle, so die
wichtigste Erkenntnis von Escobar. Die Grenze zwischen nahe
verwandten Arten kann dereinst vielleicht überwunden werden. Dazu
müsste der Kommunikationsprozess so verändert werden, dass Schloss
und Schlüssel erneut zusammenpassen und miteinander kommunizieren
können, vermutet der junge Forscher.
Schlüssel gesucht
Vorerst aber gilt es, zuerst den männlichen
Kommunikationspartner der Synergid-Zellen zu identifizieren. Dazu
Juan Miguel Escobar: «Wir kennen das Schloss. Wir wissen, dass es
einen Schlüssel geben muss. Aber wir wissen noch nicht, wie der
Schlüssel aussieht.» Zukünftige Forschungsarbeiten sollen zudem
auch aufzeigen, wie der Informationsaustausch zwischen Schloss und
Schlüssel genau erfolgt.
Die Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät MNF ist eine der sieben Fakultäten der Universität Zürich. Mit ihren rund 150 Professorinnen und Professoren lehrt und forscht die MNF auf höchstem Niveau in den Fachbereichen Geografie und Umweltwissenschaften, Biologie (u.a. Pflanzenbiologie, Zoologie, Anthropologie und Paläontologie), Chemie und Biochemie, Mathematik und Physik (u.a. reine Mathematik, angewandte Mathematik, theoretische Physik, Experimentelle Physik, Teilchenphysik).
