Medienmitteilung vom 05.09.2007
MedienmitteilungNatürliche Feinde erhalten genetische Diversität
Darwins survival of the fittest führt zu einer raschen Reduktion der genetischen Diversität, besonders in Populationen mit ungeschlechtlicher Fortpflanzung. Trotzdem sind solche Populationen oft sehr divers. Forscher der Universität Zürich zeigen in einer Studie an Blattläusen, dass natürliche Feinde dabei eine wichtige Rolle spielen: Je nach Selektionsdruck durch parasitische Wespen setzten sich unterschiedliche Blattlaus-Klone durch. Die Studie erscheint am 5.9.2007 in der Zeitschrift «Biology Letters».
Natürliche Populationen asexueller Organismen (Lebewesen mit
ungeschlechtlicher Fortpflanzung) bestehen häufig aus einer
Vielzahl verschiedener Klone. Das ist verwunderlich. Besonders
dann, wenn sich diese Klone in ökologisch wichtigen Merkmalen
unterscheiden, wie z.B. ihrer Wachstumsrate oder ihrer Anfälligkeit
auf Krankheitserreger und natürliche Feinde. Man würde erwarten,
dass sich die fittesten Klone rasch durchsetzen, wodurch die
genetische Vielfalt, d.h. die Anzahl verschiedener Klone in der
Population, entsprechend gering sein sollte.
Genetische Vielfalt kann jedoch dann erhalten werden, wenn
sich die Umweltbedingungen rasch ändern und je nach Umwelt jeweils
andere Klone einen Vorteil besitzen. Man spricht in diesem Fall von
einer Genotyp x Umwelt-Interaktion. Diese Idee ist etabliert und im
Modell bestätigt, überzeugende empirische Beispiele sind jedoch
selten. Die Studie von Christoph Vorburger, Zoologisches Institut
der Universität Zürich, liefert solch ein Beispiel an Hand von
Blattläusen und parasitischer Schlupfwespen (Parasitoide). Diese
sind wichtige natürlich Feinde der Blattläuse und werden
erfolgreich in der biologischen Schädlingsbekämpfung eingesetzt.
Ihr Lebensstil ist ziemlich brutal und erinnert an die «Aliens» aus
der gleichnamigen Hollywood-Produktion. Sie legen ein einzelnes Ei
in eine Blattlaus. Daraus schlüpft eine Larve, welche die lebende
Blattlaus von innen vertilgt, aber erst ganz zu Ende der
Entwicklung umbringt. Aus der «mumifizierten» Blattlaus schlüpft
schliesslich die fertige Wespe.
Experiment mit unterschiedlichen Parasitoiden
Das Experiment bestand aus experimentellen Populationen der
grünen Pfirsichblattlaus (Myzus persicae), die sich aus zehn
verschiedenen Klonen zusammensetzten. Diese Populationen
entwickelten sich für acht Wochen (ca. 6-8 Generationen) entweder
ohne Parasitoide, in der Gegenwart einer wenig infektiösen
Schlupfwespe (Diaeretiella rape), oder in der Gegenwart einer sehr
infektiösen Schlupfwespe (Aphidius colemani). Mittels genetischer
Fingerabdrucke konnte am Ende dieser Periode festgestellt werden,
wie sich die genetische Zusammensetzung dieser Populationen im
Verlaufe des Experiments verändert hatte. Schon ohne Parasitoide
kam es in dieser kurzen Zeit zu deutlichen Verschiebungen. Einige
Klone nahmen deutlich zu, andere verschwanden fast. Im Vergleich
dazu bewirkte die Gegenwart von D. rapae nur wenige Änderungen. Ein
besonders anfälliger Klon nahm ab statt zu, ein besonders
resistenter war plötzlich sehr erfolgreich.
Dramatisch war die Veränderung in der Gegenwart der sehr
infektiösen Schlupfwespe A. colemani: Der resistenteste Klon, kein
besonders erfolgreicher Klon in der Abwesenheit von Parasitoiden,
setzte sich vollständig durch. Alle anderen Klone starben fast oder
vollständig aus. Besonders interessant war, dass der resistenteste
als einziger der getesteten Klone einen fakultativen Endosymbionten
namens Regiella insecticola besass. Das ist ein Bakterium, das im
Innern der Blattläuse lebt, aber für das Überleben der Blattläuse
nicht unbedingt erforderlich ist. Es könnte also sein, dass dieser
'einflussreiche Passagier' für die extrem hohe Resistenz
verantwortlich ist ein Phänomen, das schon für andere Bakterien
beschrieben wurde. Damit verschafft das Bakterium diesem
Blattlaus-Klon (und somit sich selber) einen Vorteil, wenn der
Selektionsdruck durch Parasitoide gross ist.
Insgesamt zeigte der Versuch deutlich, dass Selektion durch
Parasitoide die Konkurrenzfähigkeit verschiedener Blattlaus-Klone
stark verändert. Stetige Veränderungen des Selektionsdrucks durch
Parasitoide scheinen darum entscheidend zur Erhaltung der
genetischen Diversität bei ihren Wirten beizutragen.
