Medienmitteilung vom 20.09.2007
MedienmitteilungNeuer Therapieansatz für den grünen Star mit dem Alfred Vogt-Preis ausgezeichnet
Ein am UniversitätsSpital der Universität Zürich tätiges Forscherteam von Prof. Jürgen Roth hat neue Erkenntnisse gewonnen zum Krankheitsmechanismus des Offenwinkelglaukoms, einer häufigen und vererbbaren Form des grünen Stars. Die kürzlich in renommierten Fachzeitschriften publizierten Forschungsresultate wurden auf dem 100. Kongress der Schweizerischen Gesellschaft für Ophthalmologie am 6. September in Montreux mit dem angesehenen Alfred Vogt-Preis ausgezeichnet.
Der grüne Star (Glaukom) ist eine Augenerkrankung, in deren
Verlauf der Sehnerv zunehmend geschädigt wird. Typischerweise kommt
es zu einer fortschreitenden Einschränkung des Gesichtsfeldes von
aussen nach innen bis hin zur Erblindung. Die Schädigung des
Sehnervs ist oft Folge eines erhöhten Augendrucks, so auch beim
Offenwinkelglaukom, einer häufigen, vererbbaren Form des grünen
Stars.
Das Offenwinkelglaukom wird durch Mutationen des Eiweisses
Myocilin verursacht. Prof. Jürgen Roth und seine Mitarbeiter Gary
Hin-Fai Yam, Christian Zuber und Katarina Gaplovska-Kysela in der
Abteilung für Zell- und Molerkularpathologie des Departements
Pathologie konnten nun nachweisen, dass es in Folge der Mutationen
zu einer fehlerhaften Faltung des Myocilins kommt. Somit handelt es
sich beim Offenwinkelglaukom um eine Eiweissfaltungskrankheit.
Die verschiedenen Eiweisse der Zellen eines Organismus müssen
korrekt gefaltet sein, das heisst eine bestimmte dreidimensionale
Struktur aufweisen, damit sie ihre spezifischen Funktionen erfüllen
können. Zellen verfügen über ein ausgefeiltes und effizientes
System der Qualitätskontrolle, durch das alle neu synthetisierten
Eiweisse sofort auf korrekte Faltung geprüft werden. Über dieses
grundlegende zelluläre Kontrollsystem werden nicht korrekt
gefaltete Eiweisse erkannt, und wenn sie keine korrekte Faltung
erlangen können, in den Zellen abgebaut. Das so bedingte Fehlen
eines bestimmten Eiweisses, und somit einer spezifischen
Zellfunktion, stellt die Ursache einer Reihe von schweren
Eiweissfaltungskrankheiten dar, beispielsweise der zystischen
Fibrose, des Alpha-1-Antitrypsinmangel und der Fabryschen
Krankheit.
Das Forscherteam konnte weiter zeigen, dass das falsch
gefaltete Myocilin unlösliche Aggregate in den Zellen bildet.
Dadurch wird ein Signalweg aktiviert, der zum Zelltod durch
Apoptose führt. Der Verlust dieser Zellen, die eine wichtige
Reinigungsfunktion in der vorderen Augenkammer haben, führt
wahrscheinlich zur Behinderung des Abflusses der Augenflüssigkeit
und somit zu erhöhtem Augendruck.
So genannte Chaperone helfen neu synthetisierten Eiweissen,
eine korrekte Faltung zu erlangen. Aufgrund früherer Erfahrungen
bei der experimentellen Anwendung chemischer Chaperone zur Behebung
von Eiweissfaltungskrankheiten konnte das Forscherteam nachweisen,
dass die 4-Phenylbuttersäure innerhalb kurzer Zeit zur
Normalisierung der Myocilinfaltung und zur Verhinderung des
Zelltodes führt. Diese Resultate könnten eine neue Möglichkeit für
die Therapie des Offenwinkelglaukoms aufzeigen. Die
4-Phenylbuttersäure ist bereits als Medikament zur Behandlung
anderer Krankheiten zugelassen. Damit sollte der Weg offen sein für
eine mögliche Anwendung dieser Forschungsresultate in der Therapie
des Offenwinkelglaukoms beim Patienten.
Das Forschungsprojekt wurde finanziell ermöglicht durch die
Velux Stiftung, Zürich und die Kamillo Eisner-Stiftung,
Hergiswil.
