Medienmitteilung vom 26.04.2007
MedienmitteilungProteom der Fruchtfliege weitgehend erschlossen
Einem Forscherteam der Universität Zürich und der ETH ist es gelungen, einen hochqualitativen Katalog der Fruchtfliege Drosophila zu erschliessen. Damit wird umfangreiches Wissen zum Proteom, d.h. zur Gesamtheit aller Proteine eines Organismus, erstmals verfügbar. Dies ist ein grosser Schritt auf dem Weg zu einem grundlegenden Verständnis unseres Körpers und zu einer verbesserten Krankheitsdiagnostik. Die Forschungsresultate wurden publiziert in «Nature Biotechnology» (Vol. 25, No. 5).
Proteine (Eiweisse) sind die zentralen Elemente eines jeden
biologischen Prozesses. Sie definieren unter anderem Struktur,
Stoffwechsel und die Wechselwirkungen von Zellen innerhalb eines
Organismus. Eine fehlerhafte Regulation dieser Proteine ist oft
entscheidend an der Entstehung und am Verlauf von
Krankheitsprozessen beteiligt. Für eine zukünftige, sowohl
technisch wie medizinisch möglichst effiziente Nutzung
molekularbiologischer Forschungserkenntnisse ist deshalb ein
ganzheitliches Verständnis zellulärer Systeme von grosser
Wichtigkeit. Dabei steht nicht mehr die Untersuchung einzelner
Proteine im Vordergrund, sondern das Verhalten und die
Wechselwirkungen aller Komponenten eines Systems (z.B. eines
Organs, Gewebes oder auch einer Signalübertragungskette).
Um auf dem Gebiet der Proteomik ein System als Ganzes
erfassen zu können, ist die Entwicklung sehr genauer, quantitativer
und automatisierbarer Messverfahren und Methoden notwendig. Bis
heute ist es nicht möglich, eine komplette Analyse aller Proteine
eines Systems (z.B. des Blutserums oder eines Gewebes)
durchzuführen. Die quantitative Gesamtanalyse aller Proteine einer
Probe wäre jedoch von grösster Wichtigkeit, denn sie würde es unter
anderem erlauben, krankhafte Veränderungen oder spezifische
Krankheitsindikatoren in Gewebebiopsien oder Serumsproben umfassend
nachzuweisen.
Unter Anwendung neuer Auswertungsverfahren ist nun ein
wichtiger Schritt in diese Richtung gemacht: Eine interdisziplinäre
Forschungsgruppe um die Systembiologen Erich Brunner, Sonali
Mohanty und den Bioinformatiker Christian Ahrens von der
Universität Zürich (Center for Model Organism Proteomes, Functional
Genomics Center Zürich) sowie Professor Ruedi Aebersold von der ETH
(Institut für molekulare Systembiologie) beide Hochschulen sind
Teil der SystemsX-Initiative publizierte ihre neuste Studie in
«Nature Biotechnology».
Gegenstand der Studie war das Proteom d.h. die Gesamtheit
aller Proteine eines Organismus der Taufliege Drosophila
melanogaster. Erstmals konnten mit dieser zweijährigen
Forschungsarbeit rund 63% des Proteoms eines mehrzelligen
Organismus gemessen und katalogisiert werden. Für die Studie wurden
Proteine aus verschiedenen Entwicklungsstadien und von Zellkulturen
extrahiert, und die durch enzymatische Verdauung entstandenen
Fragmente der Proteine (Peptide) wurden im Massenspektrometer
analysiert. Eine neuartige, kontinuierlich begleitende
bioinformatisch-statistische Analyse der experimentellen Daten
unterstützte die Proteinmessungen und verhalf, zusätzliche
Experimente auf Bereiche des Proteomes zu fokussieren, welche durch
bisherige Experimente nicht identifiziert werden konnten. Diese
Arbeit führte zu einem bisher einmaligen, mehrere Terabytes
umfassenden Datensatz.
Der neue Proteomkatalog liefert neuartige Erkenntnisse in
verschiedensten wissenschaftlichen Bereichen. Zum Einen konnte für
viele Proteine eine erste experimentelle Bestätigung geliefert
werden. Das heisst, dass zum ersten Mal und in grossem Stil die auf
der Gensequenz von Proteinen basierenden Vorhersagen validiert
werden konnten. Zum Andern konnte gezeigt werden, dass die
Messergebnisse dazu verwendet werden können, bestehende Gen-Modelle
zu verbessern oder sogar bis anhin unbekannte Proteine und deren
Gen-Modelle zu entdecken. Im Weiteren wurde dargelegt, wie die
begleitende bioinformatische und statistische Analyse dazu verhalf,
eine Vielzahl von Proteinen eines Zelltyps oder eines Gewebes
gezielter und schneller zu erfassen. Diese Methode wird ein
zentrales Element für die weitere Erschliessung des Proteoms
bilden.
Von früheren Studien ist bekannt, dass zur eindeutigen
Identifizierung eines Proteins die Erfassung einer kleinen
spezifischen Untereinheit, eines sogenannten proteotypischen
Peptids, genügt und dass solch ein Peptid gewissermassen die
einmalige Signatur eines Proteins bildet. Unklar war bisher, welche
Peptide eines Proteins als eindeutige Proteinsignatur verwendet und
im Massenspektrometer gemessen werden können. Der vorgestellte
Proteomkatalog ermöglicht es nun, diese einzelnen Signaturen für
eine Vielzahl von Proteinen der Drosophila zu bestimmen. In
Kombination mit neuen Messmethoden wird es damit in naher Zukunft
möglich sein, mit deutlich geringerem Aufwand gezielt die
spezifischen Proteinsignaturen zu messen anstelle aller möglichen
Peptide der Gesamtmenge von Proteinen. So wird es neu möglich sein,
innert kurzer Zeit quantitative Daten über eine Vielzahl von
Proteinen zu liefern. Da die Proteine anderer Organismen
grundsätzlich gleich aufgebaut sind wie der Modellorganismus der
Drosophila, können nun sowohl die Proteinsignaturen für andere
Organismen als auch die noch fehlenden Drosophila-Proteine per
Computer berechnet werden. Die neuen Messverfahren werden damit
sehr schnell sowohl für die Grundlagenforschung als auch für die
humane Krankheitsdiagnostik von grossem Nutzen sein.





