Medienmitteilung vom 11.06.2007
MedienmitteilungSchwarze Löcher bilden rasch binäres System
Erstmals konnten Forscher um Prof. Lucio Mayer von der Universität Zürich zeigen, dass sich zwei Schwarze Löcher von kollidierenden Galaxien rasch vereinigen. Mit Simulationen konnten sie darstellen, dass Schwarze Löcher in weniger als 1 Million Jahren ein binäres System bilden und dabei Gravitationswellen auslösen. Damit haben sie experimentell nachgewiesen, dass sich vereinigende Schwarze Löcher Gravitationswellen erzeugen. Ihre Arbeit, die in «Science» publiziert worden ist, liefert die theoretische Basis auf dem Weg zum direkten Nachweis von Gravitationswellen.
Die allgemeine Relativitätstheorie von Albert Einstein bildet
die Grundlage für das moderne Verständnis der Schwerkraft. Viele
ihrer Vorhersagen wurden bereits experimentell nachgewiesen. Eine
wichtige Konsequenz der Theorie, die bisher nicht bestätigt werden
konnte, ist die Existenz von Gravitationswellen. Einsteins Theorie
sagt voraus, dass Änderungen in starken Gravitationsfeldern
Deformationen in der so genannten Raum-Zeit erzeugen, ähnlich den
Wellen, die ein in einen Teich geworfener Stein auf der
Wasseroberfläche hervorruft.
Die Amplitude dieser Gravitationswellen wächst mit der Stärke
des Gravitationsfeldes. In unserem Universum besitzen Schwarze
Löcher die stärksten Gravitationsfelder. Wellen werden allerdings
nur erzeugt, wenn sich das Gravitationsfeld zeitlich ändert. Dies
geschieht u.a. dann, wenn sich zwei Schwarze Löcher nähern und
miteinander verschmelzen. Aber wann und wie geschieht dies? Die
gegenwärtige Theorie zur Entwicklung der Galaxien sagt voraus, dass
jede massive Galaxie in ihrem Zentrum ein supermassives Schwarzes
Loch besitzt. Diese Objekte können eine Masse von Millionen oder
gar Milliarden Sonnen besitzen. Auch im Zentrum unserer
Milchstrasse konnte ein derartiges supermassives Schwarzes Loch
nachgewiesen werden. Dazu wurde die Bewegung von Sternen in seiner
Umgebung untersucht.
Verschmelzen die Schwarzen Löcher?
Dass Galaxien tatsächlich kollidieren und verschmelzen,
belegen eindrucksvolle Bilder, die von Teleskopen aus dem Weltraum
oder von der Erdoberfläche aus gemacht wurden. Falls zwei Galaxien
mit supermassiven Schwarzen Löchern kollidieren, ist es demnach
denkbar, dass auch ihre Schwarzen Löcher verschmelzen und einen
gewaltigen Ausbruch von Gravitationswellen erzeugen. Bisher war es
allerdings unmöglich zu zeigen, dass dies auch wirklich geschieht.
Denn dafür müssen Prozesse zugleich auf grossen Skalen, d.h. auf
tausenden bis zehntausenden von Lichtjahren (der Grösse einer
ganzen Galaxie) und auf kleinen Skalen, einem Lichtjahr oder
weniger (nämlich der Umgebung der Schwarzen Löcher), beschrieben
werden.
Die erste Simulation, die Prozesse auf allen Stufen dieser
Skala erfasst, wurde von Prof. Lucio Mayer und anderen Forschern
durchgeführt. Sie zeigt, dass Schwarze Löcher von kollidierenden
Galaxien, die interstellares Gas enthalten, ihren Abstand rasch
verringern und ein binäres System bilden. Dies geschieht innerhalb
weniger hunderttausend Jahre und damit schnell nach
astrophysikalischen Massstäben. Die Schwarzen Löcher im Binärsystem
umkreisen einander in einem Abstand von wenigen Lichtjahren, obwohl
sie beide wenige Milliarden Jahre zuvor durch mehrere
hunderttausend Lichtjahre voneinander getrennt waren. Die Schwarzen
Löcher des Binärsystems verringern langsam ihren Abstand bis dieser
etwa der Grösse unseres Sonnensystems entspricht. Diese Entfernung
ist nahe genug, um starke Gravitationswellen zu erzeugen, die
Energie davontragen und somit den Verschmelzungsprozess
beschleunigen. Die endgültige Vereinigung findet etwa eine
Milliarde Jahre nach der Bildung des Binärsystems statt.
Simulation mit Supercomputern
Diese Simulation wurde an leistungsfähigen Supercomputern der
Universität Zürich, der ETH Zürich und an Rechenzentren der USA
durchgeführt. Sie zeigt erstmals, dass das erste Hindernis beim
Verschmelzen von Schwarzen Löchern, nämlich die schnelle Bildung
des Binärsystems, nicht existiert, wenn die kollidierenden Galaxien
Gas enthalten. Zwar sind die heutigen massiven Galaxien
grösstenteils gasfrei, aber wir wissen, dass dies vor wenigen
Milliarden Jahren anders war. Wenn sich Galaxien vereinigen, strebt
ihr gesamtes Gas in ihr jeweiliges Zentrum. Kollisionen zwischen
gashaltigen Galaxien waren demnach eher die Regel als die Ausnahme
in der Geschichte unseres Universums. Es ist daher anzunehmen, dass
verschmelzende Schwarze Löcher häufig Gravitationswellen erzeugen.
Genau dieser direkte Nachweis wird mit der «Laser
Interferometer Space Antenna» (LISA), die von NASA und der
europäischen Weltraumorganisation ESA geplant ist, in den nächsten
Jahren möglich sein. LISA ist eines der komplexesten und
ambitioniertesten Instrumente unserer Zeit. Es besteht aus drei
Satelliten und ihre Sensoren sind in der Lage, die durch
Gravitationswellen hervorgerufenen, extrem geringen Verschiebungen
von Testmassen zu entdecken. Laserstrahlen werden verwendet, um den
Abstand der Testmassen mit grösstmöglicher Präzision zu messen.
Der direkte erstmalige Nachweis, dass sich vereinigende
Schwarze Löcher Gravitationswellen erzeugen, wird nicht nur einen
überwältigenden Beweis für eine der fundamentalsten Theorien der
Physik darstellen, sondern auch unser Standardmodell der
Galaxienentwicklung bestätigen. Dies ist eines der schönsten
Beispiele für die tiefe Verwobenheit zwischen Astrophysik und der
fundamentalen Physik der Gravitation.

