Medienmitteilung vom 01.06.2007
MedienmitteilungUm medizinisches Wissen ist es in der Bevölkerung nicht gut bestellt
Die Allgemeinbevölkerung ist bezüglich wichtigen medizinischen Themen wie Schlaganfall, Herzinfarkt, HIV und AIDS erstaunlich unwissend. Eine universitäre Ausbildung, eine medizinische Ausbildung oder persönliche Erfahrung mit einer der Erkrankungen verbessern das Wissen nur unwesentlich. Dies geht aus der Analyse einer Umfrage in der Stadt Zürich hervor, die eine Autorengruppe des Horten Zentrums für praxisorientierte Forschung und Wissenstransfer der Universität Zürich und des Max-Planck Instituts für Adaptives Verhalten und Kognition in Berlin in «BMC Medicine» kürzlich veröffentlichte.
Minimale Kenntnisse über Risikofaktoren der Entstehung und
Symptome häufiger Erkrankungen sind eine Grundvoraussetzung für
einen bewussten Umgang mit Gesundheit. Die Studie einer
Autorengruppe um Lucas M. Bachmann des Horten Zentrums für
praxisorientierte Forschung und Wissenstransfer und des Max-Planck
Instituts für Adaptives Verhalten und Kognition in Berlin zeigt
jedoch, dass das Wissen über die Ursachen eines Herzinfarkt, die
Verhinderung einer HIV-Infektion, die frühen Symptome eines
Schlaganfalles oder die Verhinderung einer chronischen Bronchitis
ziemlich beschränkt ist.
Die Autoren kontaktierten für jede der vier Erkrankungen
Herzinfarkt, Schlaganfall, HIV/AIDS und chronische Bronchitis
(COPD) mehrere Fachexperten und erfragten das minimale Wissen, das
Laien hinsichtlich Risikofaktoren und Symptomen haben sollten. Die
maximale Anzahl richtiger Antworten war 25 (100%). Keiner der
Befragten erreichte 100%. Im Durchschnitt wurden lediglich 8 Fragen
(32%) richtig beantwortet. Der Prozentsatz richtiger Antworten war
bei Absolventen eines Universitätsstudiums (+3.7%),
(para)medizinischer Ausbildung (+6.2%) oder persönlicher Erfahrung
mit einer der Erkrankungen (+4.9%) nur unwesentlich höher. Das
Alter und das Geschlecht der Befragten hatten keinen Einfluss auf
die Rate richtiger Antworten.
«Wir erklären diese Resultate damit, dass viele Laien
medizinisches Wissen nicht aktiv erwerben sondern soziale
Heuristiken annehmen», sagt Lucas M. Bachmann. «Laien vertrauen
Expertenmeinungen oder folgen Ratschlägen von Bekannten.» Es
überrascht, dass medizinisches Wissen in der Bevölkerung trotz
einer wachsenden Zahl von Medizinsendungen und Publikationen in den
Medien so gering ist. «Dabei wäre ein minimales Wissen über
Risikofaktoren und Symptome häufiger Erkrankungen für einen
bewussten Umgang mit Gesundheitsrisiken oder eine frühzeitige
medizinische Behandlung sehr wichtig», erklärt Bachmann.
Ähnliche Befragungen aus anderen Ländern fehlen weitgehend.
In einer amerikanischen Studie unter der Leitung von Gerd
Gigerenzer vom Max-Planck Institut für Adaptives Verhalten und
Kognition in Berlin wurden 133 Ökonomen gefragt, was sie über den
PSA-Test zur Früherkennung des Prostatakrebses wissen und ob sie
sich testen lassen. Währenddem lediglich 5 Prozent der Befragten
etwas über den PSA-Test wussten, gestanden zwei Drittel, dass sie
die Vor- und Nachteile der Untersuchung nicht abwiegen würden. Die
Mehrheit äusserte, sie würden der Empfehlung ihres Arztes folgen
und zehn Prozent gaben an, der Empfehlung ihrer Ehefrau zu folgen.
«Um weitere Faktoren, die medizinisches Wissen beeinflussen,
zu erforschen und repräsentative Zahlen aus verschiedenen Ländern
zu gewinnen, planen wir in Anlehnung an die PISA-Studie eine breit
angelegte Zweitbefragung, ein Gesundheits-PISA», sagt Lucas M.
Bachmann.
