Medienmitteilung vom 16.04.2007
MedienmitteilungUZH-Forscher identifiziert die Schwester aller lebenden Beuteltiere
Forschungsergebnisse von Prof. Marcelo Sánchez, Paläontologe der Universität Zürich, und seinem internationalen Team weisen darauf hin, dass Beuteltiere der Gattung Herpetotherium, nicht wie bisher angenommen eine Untergruppe der Familie der Beuteltiere repräsentieren, sondern eine direkte Schwestergruppe derselben. Die Beuteltier-Gattung existierte vor 32 Millionen Jahren im Oligozän von Nordamerika. Mit ihrer Erforschung konnte erstmals die ausgestorbene Schwester-Gattung aller heute lebenden Beuteltier-Gattungen identifiziert werden. Die Studie wurde im Wissenschaftsjournal «Proceedings of the Royal Society, Biology Letters» publiziert.
Beuteltiere (Marsupialia) wie Kängurus, Wombats, Koalabären oder
Beutelratten (Opposums) sind seit jeher im Fokus wissenschaftlichen
Interesses. Als Forschungsgegenstand faszinieren sie Biologen und
Paläontologen gleichermassen, da Kenntnisse der Paläobiologie und
der Verwandtschaftsverhältnisse der fossilen Beuteltiere
untereinander zu einem besseren Verständnis der Evolution der
Säuger wie auch der Unterschiede zwischen marsupialen und
plazentalen Säugern zu denen auch der Mensch gehört verhilft.
Heute lebende Beuteltiere haben ihren Ursprung auf dem
ehemaligen Subkontinent Gondwana: Sie leben auf dessen heutigen
«Resten», in Australien und Südamerika, oder sind vor der
geologisch kurzen Zeitspanne von drei Millionen Jahren von Süd-
nach Nordamerika migriert.
Ursprünglich aber waren Beuteltiere weltweit vertreten, dies
weist der Fossilbericht d.h. die Summe aller dokumentierten, in
Publikationen beschriebenen Fossilvorkommen nach. Das Wissen über
die heute ausgestorbenen Gattungen ist insgesamt noch lückenhaft.
Besonders bruchstückhaft ist der bisherige Fossilbericht im Falle
der ursprünglich in Nordamerika beheimateten marsupialen
Säugetiere: Hier basiert er lediglich auf fragmenthafte Zahnfunde.
Neue Erkenntnisse liefern nun die Analysen von Prof. Marcelo
Sánchez von der Universität Zürich und seinem internationalen
Forscherteam aus Frankreich, Großbritannien, den USA und
Deutschland: Die Untersuchung von mehreren aussergewöhnlich gut
erhaltenen fossilen Schädeln und von zahlreichem Skelettmaterial,
das in Wyoming, USA, entdeckt wurde, gibt Aufschluss über die
äusserst wichtige Gruppe nordamerikanischer Beuteltiere, die
Herpetotherii. Diese Gruppe von Beutlern existierte vor
etwa 32 Millionen Jahren im Oligozän von Nordamerika. Bisher wurde
davon ausgegangen, dass es sich bei ihr um eine primitive (basale)
Gruppe von Beutelratten (Opposums) handelt. Die aktuellen Analysen
zeigen hingegen, dass sich die Gattung
Herpetotheriumwesentlich vom Opposum unterscheidet und
dass sie nicht eine Untergruppe, sondern die direkte
Schwestergruppe zur gesamten Radiation heute noch lebender
marsupialer Säugetiere bildet. Diese Gruppe ist also gleichsam die
Urahnin der ausgestorbenen Schwestern aller heute lebenden
Beuteltiere. Erstmals können damit Aussagen über Anatomie und
Lebensweise dieser Gruppe gemacht werden. So deutet die
Untersuchung der Fossilien, die unter anderem mittels
Computertomographie und mikroskopischer Auswertung von
Zahnstrukturen erfolgte, auf eine terrestrische Lebensweise und auf
eine generalisierte Nahrung aus Insekten- und Pflanzenkost hin.
Der Hauptfund übrigens, einer der hervorragend erhaltenen Schädel,
ist Teil der Ausstellung des Paläontologischen Museums der
Universität Zürich.

