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Prof. Dr. med. Wulf Rössler
Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Forschungsbereich Klinische und Soziale Psychiatrie
Forschungsgruppe Public Mental Health
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Dr. Barbara Lay
Psychiatrische Universitätsklinik Zürich
Forschungsbereich Klinische und Soziale Psychiatrie
Forschungsgruppe Public Mental Health
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Medienmitteilung vom 14.08.2007

Medienmitteilung

Weniger Schizophreniepatienten in Zürcher Kliniken

Während Schizophreniepatientinnen und -patienten weniger stationär behandelt werden und sich weniger lang in der psychiatrischen Klinik aufhalten, hat die stationäre Behandlung anderer Patientengruppen zugenommen. Zu diesen Ergebnissen kommen Barbara Lay, Carlos Nordt und Wulf Rössler von der Psychiatrischen Universitätsklinik. Anhand der Zürcher Klinikstatistiken sind sie der Frage nachgegangen, wer in den letzten dreissig Jahren in der Psychiatrie wie lange behandelt wurde. Ihre Studie wirft die Frage auf, wo und wie Schizophreniepatientinnen und -patienten heute betreut werden und ist soeben von der Fachzeitschrift «Schizophrenia Research» online publiziert worden.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden die Behandlungssysteme für psychisch Kranke in den meisten entwickelten Ländern grundlegenden Reformen unterzogen. Im Zuge der Reformen kam es zu einem massiven Bettenabbau in den psychiatrischen Kliniken und gleichzeitig zum Ausbau ambulanter und tagesklinischer Einrichtungen und Dienste. So wurde z.B. in der Schweiz die Zahl der Betten in der Psychiatrie seit 1980 um nahezu die Hälfte reduziert. Angestossen wurden die Psychiatriereformen im Bestreben, jahrelange Hospitalisierungen in den Kliniken zu vermeiden und psychisch Kranke möglichst in ihren Familien und am Arbeitsplatz zu betreuen. Diese Entwicklung wurde auch durch die Kostenexplosion im Gesundheitswesen, zu der Spitäler erheblich beigetragen haben, begünstigt.

Ob bestimmte Patientengruppen vom Bettenabbau psychiatrischer Krankenhäuser der letzten Jahre mehr als andere betroffen sind, untersuchten Barbara Lay, Carlos Nordt und Wulf Rössler der Arbeitsgruppe Public Mental Health an der Psychiatrischen Universitätsklinik. Anhand der Psychiatriepatienten-Statistik des Kantons Zürich sind sie der Frage nachgegangen, wer in den letzten dreissig Jahren in der Psychiatrie wie lange stationär behandelt wurde.

Die Studienergebnisse zeigen, dass die Behandlungsdauer im Vergleich zu den 70er und 80er Jahren bei den meisten Patientengruppen deutlich verkürzt wurde, dass aber von dieser Verkürzung vor allem Schizophreniepatienten betroffen sind. Vor dreissig Jahren verbrachten diese vergleichsweise die längste Zeit im Spital: Dauerte ihre Behandlung 1977 im Durchschnitt 47 Tage, so werden sie heute schon nach 23 Tagen entlassen. Weniger drastisch fiel die Verkürzung bei anderen Erkrankungen aus. Heute werden die verschiedenen Patientengruppen alle in etwa gleich lang stationär behandelt.

Die Analyse der Zahl der jährlichen Eintritte in psychiatrische Kliniken zeigt, dass diese zwar bei allen Patientengruppen angestiegen ist, bei Schizophreniepatientinnen und -patienten jedoch in einem vergleichsweise moderaten Umfang. Die Zahl ihrer stationären Behandlungen stieg von 679 im Jahr 1977 auf 1362 im Jahr 2004, was einer Verdoppelung entspricht. Demgegenüber steht beispielsweise ein drei- bis vierfacher Anstieg von Eintritten bei Abhängigkeitserkrankungen und Depressionen.

Wie gross der Wandel tatsächlich ist, wird deutlich, wenn diese Daten auf die Bevölkerung umgerechnet werden: In den letzten fünfzehn Jahren ist die Behandlungshäufigkeit bei Schizophreniepatientinnen und -patienten um zwei Drittel zurück gegangen, nämlich von rund sieben auf rund zwei stationäre Behandlungen pro 10’000 Bevölkerung. Alle anderen Diagnosegruppen verzeichneten dagegen einen Anstieg – Depressionen sogar auf das Doppelte.

Schizophreniepatienten machten aufgrund der Schwere der Erkrankung traditionell den grössten Anteil der stationären Patientinnen und Patienten aus. Ihr Anteil an Klinikpatienten ist seit 1993 jedoch kontinuierlich von 40% auf 20% gesunken. «Die Zahlen sind alarmierend, weil auch ambulante sozialpsychiatrische Dienste immer weniger von Schizophreniepatienten aufgesucht werden und weil Schizophreniepatienten in der Regel nicht dem Patientenprofil von niedergelassenen Schweizer Psychiatern entsprechen.» kommentiert Barbara Lay und folgert: «Die Erfolge der Enthospitalisierung sind somit zwiespältig: Es bleibt Unbehagen über die Reformen, solange wir nicht wissen, wie viele der an Schizophrenie Erkrankten heute überhaupt eine Behandlung erhalten.» – Die Studienergebnisse zeigen damit einen erweiterten Forschungsbedarf: die vertiefte Untersuchung, was den Stand der tatsächlichen Behandlung von Schizophreniekranken betrifft und inwieweit diese adäquat ist.