Medienmitteilung vom 22.01.2007
MedienmitteilungWie der Körper unser Denken beeinflusst
Wie ist es möglich, dass der Körper unser Denken beeinflussen kann, wenn es doch offensichtlich ist, dass das Gehirn den Körper steuert? In ihrem Buch «How the Body Shapes the Way We Think a New View of Intelligence» zeigen Rolf Pfeifer, Universität Zürich, und Josh Bongard, Universität Vermont, wie stark Denken und Körper zusammenhängen, dass wir einerseits im Denken den Beschränkungen des Körpers unterliegen, dass aber anderseits der Körper die Denkfunktionen auch ermöglicht. Sie argumentieren, dass die Gedanken, zu denen wir fähig sind, ihren Ursprung im «Embodiment» haben in den morphologischen und materiellen Eigenschaften des Körpers.
Das Prinzip des Embodiments oder der verkörperten künstlichen
Intelligenz geht davon aus, dass der Körper in der Interaktion mit
der Umwelt die für das Gehirn relevante Information erzeugt.
Intelligenz sitzt also nicht nur im Gehirn, sondern ergibt sich aus
dem Zusammenspiel von Gehirn, Morphologie, Materialien und
Umgebung.
Dieses Zusammenspiel zwischen Gehirn und Körper illustriert
Prof. Rolf Pfeifer, Direktor des Artifical Intelligence Lab der
Universität Zürich, am Beispiel des Laufens. Trifft das Bein beim
Laufen auf den Boden auf, macht das Knie eine sehr schnelle
Federbewegung. Diese Federbewegung ist so schnell, dass sie nicht
neuronal weder vom Gehirn noch vom Rückenmark gesteuert sein
kann. Die Bewegung ergibt sich aus der Elastizität der Muskeln, die
je nach Phase beim Laufen unterschiedlich ist. Das Gehirn steuert
die Bahn der Gelenke nur grob, dafür verändert es dynamisch die
Elastizität der Muskeln, also die Materialeigenschaften. Folglich
übernehmen die Materialeigenschaften des Muskel-Sehnensystems die
Feinsteuerung. «Mit andern Worten lagert das Gehirn gewisse
Funktionen an die Materialien aus und wird dadurch selbst
entlastet», erklärt Rolf Pfeifer.
Beim Gehen hingegen ist der Vorwärtsschwung des Beines
weitgehend passiv, d.h. die Muskeln sind schlaff, machen also gar
nichts oder nur sehr wenig. Die Steuerung wird von der Schwerkraft
übernommen, da das Bein wie ein Pendel funktioniert. «In diesem
Fall wird die Steuerung an die Interaktion mit der Umwelt
delegiert» so Pfeifer. Das Bein bewegt sich also fast ohne Energie
nach vorne, weil die Muskeln nichts machen und das Gehirn braucht
auch nur sehr wenig zu leisten.
Das von Pfeifer und Bongard in ihrem neusten Buch
beschriebene Konzept des Embodiments hat zu fundamentalen
Veränderungen im Gebiet der Artificial Intelligence und der
kognitiven Wissenschaften in den letzten zwei Jahrzehnten geführt.
Rolf Pfeifer und Josh Bongard verwenden die Methodik «Verstehen
durch Nachbauen», um ihre Einsichten zu beschreiben. «Wenn wir
verstehen, wie wir intelligente Systeme entwerfen und bauen
können», so Pfeifer, «verstehen wir auch Intelligenz im Allgemeinen
besser.»
In einer leicht zugänglichen, nicht-technischen Sprache und
mit vielen anschaulichen Beispielen illustriert, skizzieren sie
eine mögliche Theorie der Intelligenz, aufbauend auf neuere
Erkenntnisse der Robotik, Biologie, Neurowissenschaften und
Psychologie. Sie illustrieren, wie eine solche Theorie in den
Bereichen ubiquitous computing, Business und Management, und
Psychologie des menschlichen Gedächtnisses angewandt werden kann.
«Embodied intelligence», wie von Pfeifer und Bongard beschrieben,
hat grundsätzliche Konsequenzen für unser Verständnis von
natürlicher und künstlicher Intelligenz und dafür, wie wir uns
selbst und unsere Umwelt verstehen.
Phil Husbands, Professor für Artificial Intelligence, University
of Sussex, über das Buch «How the Body Shapes the Way We Think A
New View of Intelligence»:
«In this thoroughly engaging and unusually wide-ranging book,
Pfeifer and Bongard make the case for the central role of
embodiment in understanding natural intelligence and building
artificial intelligence. The body and nervous system are
inseparable interacting constituents of an organism, and it is a
mistake to think of the former passively obeying the commands of
the latter: they operate in complex and subtle harmony. With great
clarity and authority, the authors both leading researchers in
the area map out the intellectual landscape, from biological
intelligence to robotics to intelligent companies. This is an
outstanding and very accessible book: without being overburdened
with technical detail, the reader is taken deep into this
fascinating and important subject.»
Rolf Pfeifer and Josh C. Bongard, How the Body Shapes the Way
We Think A New View of Intelligence, MIT Press,
ISBN-10:0-262-16239-3; ISBN-13:978-0-262-16239-5, $39.95/£25.95


