Medienmitteilung vom 05.11.2008
MedienmitteilungEinblick in die elektrische Signalübertragung in Nervenzellen
Neurotransmitter-Rezeptoren bilden eine grosse Familie von Ionenkanälen, die die elektrische Aktivität in Nerven- und Muskelzellen steuern. Damit die Ionenkanäle funktionieren, müssen sie kontrolliert geöffnet und geschlossen werden können. Forscher der Universität Zürich und des Nationalen Forschungsschwerpunkts Strukturbiologie haben jetzt die erste detaillierte Struktur eines Neurotransmitter-Rezeptors im geöffneten Zustand entschlüsselt. Zusammen mit der vor kurzem bestimmten Struktur eines geschlossenen Kanals erlaubt die Arbeit den ersten detaillierten Einblick in einen grundlegenden Mechanismus der elektrischen Signalübertragung. Die Studie von Prof. Raimund Dutzler ist in der Online-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins «Nature» erschienen.
Ionenkanäle sind die elektrischen Schalter unserer Zellen. Sie
ermöglichen den kontrollierten Fluss von geladenen Ionen durch die
Zellmembran. Dieser Vorgang bildet die Grundlage für alle
elektrisch gesteuerten Prozesse von der Nervenreizleitung bis zur
Muskelbewegung. Um diese komplexen Prozesse zu ermöglichen, muss
der Ionenfluss gesteuert werden. Deshalb können Ionenkanäle durch
Signale kontrolliert geöffnet und geschlossen werden. Verschiedene
Neurotransmitter-Rezeptoren in den Synapsen der Nervenzellen sind
Teil einer Proteinfamilie von ligandenabhängigen Ionenkanälen. In
Abwesenheit des Neurotransmitters sind diese Kanäle geschlossen und
versperren den Ionen den Weg durch die Membran. Werden jedoch
bestimmte Neurotransmitter frei-gesetzt, binden diese an den
Rezeptor, worauf sich der Kanal öffnet und bestimmten Ionen
erlaubt, durch die Membran zu fliessen. Der Proteinfamilie gehören
unter anderem Acetylcholin- und GA-BA-Rezeptoren an, deren
Fehlfunktion zu schweren Nerven- und Muskelkrankheiten führt und
die wichtige Angriffspunkte für Medikamente sind.
«Um die Funktionsweise dieser Neurotransmitter-Rezeptoren zu
verstehen, müssen wir ihre dreidimensionalen Strukturen im
geschlossenen sowie im offenen Zustand kennen», erklärt Prof.
Raimund Dutzler. Vor acht Monaten stellte er und seine
Arbeitsgruppe am Biochemischen Institut der Universität Zürich die
erste detaillierte Struktur eines geschlossenen Rezeptors vor.
Obwohl diese Struktur den Bauplan dieser Proteinfamilie zeigte, war
es unmöglich, anhand einer Struktur auf den Mechanismus des Öffnens
und des selektiven Ionenflusses zu schliessen. Nun ist es der
Gruppe gelungen, die Struktur eines verwandten Ionenkanals im
offenen Zustand mithilfe der Röntgenstrukturanalyse aufzuklären.
Wie bei der vorhergehenden Studie haben sich die Wissenschaftler
naher bakterieller Verwandter von Neurotransmitter-Rezeptoren
bedient. «Die beiden Strukturen stammen zwar von verschiedenen
Kanälen, die Proteine sind aber ähnlich genug, um die strukturelle
Veränderung beim Öffnen der Pore nachvollziehen zu können», erklärt
Prof. Dutzler. Die Strukturen und Funktionsmechanismen innerhalb
einer Proteinfamilie sind dabei so konserviert, dass von den
Strukturen dieser bakteriellen Proteine auch auf ihre humanen
Verwandten geschlossen werden kann.
«Das Ergebnis der Untersuchung ist unerwartet», so Dutzler.
«Es zeigt einen Öffnungsmechanismus, der dem traditionellen Bild
dieses Prozesses widerspricht.» Beim Öffnen bewegen sich die Teile
des Proteins, die den Kanal bilden, als starre Einheit. Da das
Protein aus fünf gleichen Untereinheiten besteht, die die gleichen
Bewegungen ausführen, öffnet sich der Kanal ähnlich einer
aufblühenden Knospe. Die Bewegungen sind dabei viel grösser als
erwartet, jedoch steht die Struktur im Einklang mit den Ergebnissen
jahrzehntelanger experimenteller Forschung.
Laut Prof. Dutzler erlauben die beiden Strukturen Einblick in
einen Mechanismus, der nun von neuen Experimenten bestätigt werden
muss. Er ist überzeugt, dass die gewonnen Erkenntnisse Eingang in
die Lehrbücher finden und für die Entwicklung neuer Medikamente von
Neurotransmitter-Rezeptoren von grosser Bedeutung sein werden.
Ricarda J. C. Hilf & Raimund Dutzler, Structure of a
potentially open state of a proton-activated pentameric
ligand-gated ion channel, Nature, doi:10.1038/nature07461
