Medienmitteilung vom 05.03.2008
MedienmitteilungErste Röntgenstruktur eines Neurotransmitter-Rezeptors
Neurotransmitter-Rezeptoren spielen eine Schlüsselrolle in der elektrischen Signalübertragung in Nervenzellen. Bisher weiss man nur wenig über die Struktur dieser Rezeptoren oder Ionenkanäle. Forscher der Universität Zürich und des Nationalen Forschungsschwerpunkts Strukturbiologie konnten jetzt die erste detaillierte Struktur eines nahen bakteriellen Verwandten von Neurotransmitter-Rezeptoren entschlüsseln. Die Publikation erscheint am 6. März 2008 in der Online-Ausgabe des Wissenschaftsmagazins «Nature».
Vom Denken bis zur Bewegung wird unser Körper durch Elektrizität
gesteuert. Grundlage für solche elektrischen Prozesse ist der
kontrollierte Fluss von geladenen Teilchen, den Ionen, durch die
Wände der Zellen, den Membranen. Da die Zellmembran für Ionen
undurchlässig ist, braucht es so genannte Ionenkanäle. Diese sind
selektiv und erlauben nur bestimmten Ionen den Durchfluss durch die
Membran und anderen nicht. Ionenkanäle sind Proteine, die in der
Membran sitzen und über Signale geöffnet werden.
Die Neurotransmitter-Rezeptoren oder Ionenkanäle spielen eine
Schlüsselrolle in der elektrischen Signalübertragung in den
Synapsen von Nerven- und Muskelzellen. Je nach ihrer
Ionenselektivität aktivieren oder unterdrücken diese Rezeptoren
elektrische Signale. Die Vertreter dieser Familie, die aktivierende
Acetylcholin- und Serotonin-Rezeptoren und inhibierende Gaba- und
Glycin-Rezeptoren, sind wichtige Angriffspunkte für Medikamente
sowie bei Fehlfunktion Ursache für neurologische Krankheiten.
Obwohl verschiedene Rezeptoren während der letzten Jahrzehnte im
Brennpunkt der biochemischen Forschung gestanden sind, waren bisher
noch keine detaillierten Strukturen dieser wichtigen Proteinklasse
bekannt. Dieser Durchbruch wurde jetzt von der Arbeitsgruppe von
Prof. Raimund Dutzler am Biochemischen Institut der Universität
Zürich erzielt.
Für ihre Studien haben sich die Wissenschafter nahe
bakterielle Verwandte von Neurotransmitter-Rezeptoren zu Nutze
gemacht. In aufwendigen experimentellen Versuchen wurde das Protein
in Bakterien hergestellt, isoliert und zur Kristallisation
gebracht, um so den Aufbau studieren zu können. Mit Hilfe der
Röntgenstrukturanalyse konnten die Forschenden dann die
Raumstruktur des Ionenkanals aufklären. «Ohne die hervorragende
Infrastruktur im Nationalen Forschungsschwerpunkt Strukturbiologie,
den regelmässigen Zugang zur Schweizer Synchrotronquelle am Paul
Scherrer Institut und am wichtigsten ohne hervorragende Mitarbeiter
wäre der Erfolg in diesem experimentell sehr anspruchsvollen Gebiet
unmöglich gewesen» sagte Prof. Raimund Dutzler.
Wichtiges Modellsystem
Die Struktur zeigt ein Protein, das sehr ähnlich wie die
humanen Rezeptoren aufgebaut ist. Aus diesem Grund dient der
kompaktere bakterielle Rezeptor als wichtiges Modellsystem, um die
grundlegenden Funktionsmechanismen wie das kontrollierte Öffnen und
Schliessen des Kanals und seine Präferenz für bestimmte Ionen zu
untersuchen. Der Kanal wird aus fünf gleichen Proteinketten
gebildet. Er besteht aus zwei Teilen, einer Bindungsdomäne, die aus
der Zellmembran herausragt und den Neurotransmitter bindet, und
einem engen Kanal, der in der Membran sitzt und den Ionenfluss
reguliert. Der Kanal der untersuchten Struktur ist geschlossen, wie
der offene Kanal aussieht, ist im Moment noch nicht bekannt.
Laut Prof. Dutzler bildet die Struktur einen ersten wichtigen
Teil eines Puzzles. Doch es benötigt weitere Experimente, um zu
einem kompletten Bild zu gelangen, einem Bild, das am Ende den
detaillierten Mechanismus dieses wichtigen physiologischen
Prozesses zeigt und das zur Entwicklung neuer Medikamente beitragen
kann.
