Medienmitteilung vom 30.07.2008
MedienmitteilungErstmals Hinweis für Einbalsamierung im römischen Griechenland
Ein schweizerisch-griechisches Forscherteam unter Co-Leitung von PD Dr. Dr. Frank Rühli vom Anatomischen Institut der Universität Zürich hat erstmals Hinweise gefunden, dass auch im römischen Griechenland Leichname einbalsamiert wurden. Die Forschenden konnten mit physikalisch-chemischen und histologischen Methoden nachweisen, dass bei der Bestattung einer ungefähr 55-jährigen Frau in Nordgriechenland diverse Harze, Fette, Öle und Gewürze verwendet wurden. Dies ist der erste multidisziplinär-basierte Hinweis für eine künstliche Mumifizierung um 300 nach Christus in Griechenland.
Die sterblichen Überreste einer ungefähr 55-jährigen Frau, die
vermutlich aus der sozialen Oberschicht stammt, wiesen diverse
Weichteile, Haare und Teile eines goldbestickten Seidengewandes
auf. Dieser einmalige Fundzustand ermöglichte die multidisziplinäre
Forschung an diesen Geweben. Nebst makroskopischen und
anthropologischen Analysen wurden unter anderem
elektronenmikroskopische und
gaschromatographisch-massenspektrometrische Untersuchungen
durchgeführt. Dabei fanden die Forschenden diverse
Einbalsamierungssubstanzen wie zum Beispiel Myrrhe, Fette und
Harze, jedoch kaum einen konservatorischen Einfluss durch den
umgebenden Bleisarg aus römischer Zeit. Diese Befunde ermöglichen
es, das Wissen über die Verwendung von gewebserhaltenden,
anti-bakteriellen und anti-oxidativen Substanzen beim Totenkult im
römischen Griechenland wesentlich zu erweitern.
«Noch nie konnten für diese Zeitperiode in Griechenland
solche Einbalsamierungssubstanzen nachgewiesen werden», erklärt
Christina Papageorgopoulou, Studieninitiantin und Assistentin am
Anatomischen Institut der Universität Zürich. Bisher war nur
aufgrund von historischen schriftlichen Quellen vermutet worden,
dass auch im römischen Griechenland möglicherweise ausgewählte
Personen einbalsamiert wurden.
«Dank der Mumienforschung an der Universität Zürich ist dies
ein weiterer wichtiger Erkenntnisgewinn für die Gesellschaft und
die Geschichtswissenschaften», sagt Dr. Rühli, Leiter des Swiss
Mummy Projects. Die aktuelle Arbeit, die in der renommierten
Archäologie-Fachzeitschrift «Journal of Archaeological Science»
online erschienen ist, ist zusammen mit einem griechischen Kollegen
von der Demokritus Universität Thrace durchgeführt worden. Dabei
konnte auf die Infrastruktur der Universität Zürich im Zentrum für
Mikroskopie sowie im Institut für Rechtsmedizin zurückgegriffen
werden.
Die Anwendung modernster analytischer naturwissenschaftlicher
Verfahren bringt einen enormen Erkenntnisgewinn gerade auch für die
Archäologie und weist auf die mögliche zukünftige Zusammenarbeit
von Geistes- und Naturwissenschaftern hin. «Dieser
transdisziplinäre Ansatz ist besonders in der Mumienforschung
wünschenswert und wird von unserer Wissenschaftsgruppe ausdrücklich
gepflegt», betont Dr. Rühli.
Swiss Mummy Project
Ziel des Swiss Mummy Projektes ist es, mit möglichst
modernen, oft nicht-invasiven (nicht Gewebezerstörenden) Methoden
Informationen zu Leben, Sterben und nach dem Tod entstandenen
Veränderungen (beispielsweise Einbalsamierungen) an historischen
Mumien festzustellen. Die Arbeiten des Swiss Mummy Projekts werden
unterstützt unter anderem durch den Schweizerischen Nationalfonds
und den Forschungskredit der Universität Zürich.


