Medienmitteilung vom 25.09.2008
MedienmitteilungGruppenbildung und Gruppenbevorzugung
Unterschiede zwischen kulturellen Gruppen führen häufig zu Diskriminierung oder Feindseligkeiten. Wissenschaftler der Universität Zürich haben jetzt experimentell nachgewiesen, wie sich kulturelle Gruppen bilden und wie es dabei zur Bevorzugung der eigenen Gruppenmitglieder kommt. Eine Schlüsselrolle spielen dabei symbolische Merkmale. Die Arbeit des Ökonomen Prof. Ernst Fehr erscheint am 26. September 2008 in «Science».
Die Unterschiede zwischen kulturellen Gruppen bilden oft die
Grundlage für Vorurteile, die Favorisierung von Mitgliedern der
eigenen Gruppe sowie Gleichgültigkeit oder aktive Feindseligkeit
gegenüber Mitgliedern anderer Gruppen. Belegt werden diese
Tendenzen durch ausgedehnte sozialwissenschaftliche Forschung, aber
auch durch tägliche Nachrichten über ethnische Konflikte,
wirtschaftliche Diskriminierungen und Feindseligkeiten zwischen
religiösen Gruppierungen. Es ist jedoch nur wenig darüber bekannt,
auf welche Weise kulturelle Gruppen gebildet werden, wodurch die
Gruppenzugehörigkeit definiert wird und welches Umfeld dazu
beiträgt, dass die eigenen Gruppenmitglieder bevorzugt werden.
Um diese Wissenslücke zu füllen, haben Wissenschaftler in der
Schweiz eine Reihe von Experimenten durchgeführt, in denen sich
kulturelle Gruppen falls überhaupt im Kontext des Experimentes
herausbilden mussten. Zum Forschungsteam gehörten Charles Efferson,
Evolutionsökologe an der Universität Zürich, sowie die beiden
Ökonomen Prof. Ernst Fehr, ebenfalls von der Universität Zürich,
und Prof. Rafael Lalive von der Universität Lausanne. Die
Versuchspersonen hatten Koordinationsspiele zu spielen, bei denen
es sich um strategische soziale Interaktionen mit mehrfachen
Gleichgewichten handelte. Ein klassisches Beispiel eines solchen
Koordinationsspiels aus dem alltäglichen Leben ist die
Entscheidung, auf welcher Strassenseite gefahren werden soll.
Grundsätzlich können wir auf der rechten und auf der linken Seite
fahren: Jede Seite ist ein so genanntes Gleichgewicht, aber eine
Koordination beziehungsweise eine Einigung darauf, welche Seite
benutzt wird, ist grundlegend.
In den Experimenten, die in Zürich durchgeführt wurden,
befanden sich die Versuchspersonen oft in einer Situation, die
nicht übereinstimmende Erwartungen auslöste. Während einige Spieler
eine Einigung auf eine Verhaltensweise A erwarteten, gingen andere
davon aus, dass man sich auf eine Verhaltensweise B festlegt. Wenn
solche unterschiedlichen Erwartungen vorhanden waren, ergab sich
ein Potenzial für äusserst aufwändige soziale Interaktionen, analog
dem Szenario, in dem einige Menschen denken, auf der linken
Strassenseite zu fahren sei das Beste, während andere die rechte
Strassenseite für optimal halten.
Merkmale werden wichtig
Die Spielerinnen und Spieler entschieden sich nicht nur für
eine Verhaltensweise, sondern mussten jeweils auch ein Dreieck oder
einen Kreis auswählen. Diese zufälligen symbolischen Merkmale
hatten keinen direkten Einfluss auf das Spiel. Sie waren zu Beginn
bedeutungslos, weil sie nicht zuverlässig vorhersagten, inwiefern
die einzelnen Spieler eine Koordination erwarteten. Wenn sich aber
Spieler mit unterschiedlichen Erwartungen untereinander mischten,
bewirkte dies selbst einen schwachen statistischen Zusammenhang
zwischen dem Merkmal und dem Verhalten. Dieser Effekt wurde in das
System rückgekoppelt und verstärkte sich im Zeitverlauf. Nachdem
der statistische Zusammenhang auf diese Weise immer stärker wurde,
zeigte sich, dass ein Partner mit dem gleichen Merkmal im
Durchschnitt auch ein Partner mit den gleichen Erwartungen in Bezug
auf die Art der Koordination war. Die Spielerinnen und Spieler
vermieden dann aufwändige Fehlkoordinationen, indem sie sich für
Interaktionen mit andern Personen mit den gleichen Merkmalen
entschieden. Solche voreingenommenen sozialen Interaktionen
stellten eine experimentelle Version der ethnozentrischen
Einstellung dar, die sich im Verlauf des Experimentes entwickelte.
Am Schluss bildete sich eine Gruppe bestehend aus
Dreieck-Subjekten, die mit andern Dreieck-Subjekten interagierten,
sowie Kreis-Subjekte, die mit andern Kreis-Subjekten Kontakt
hatten.
Charles Efferson, Assistenzprofessor am Institut für
empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich, meinte
dazu: «Es ist, als würden zwei Strassen existieren: eine für
Dreieck-Menschen, die erwarten, auf der einen Strassenseite zu
fahren, und eine andere für Kreis-Menschen, die davon ausgehen,
dass auf der andern Strassenseite gefahren wird. Jeder kann
Zusammenstösse vermeiden, wenn er ausschliesslich auf der eigenen
Strasse fährt. Aber der potenzielle Preis, den die Gesellschaft
dafür bezahlt, ist eine fragmentierte Bevölkerung: Jeder meidet
Menschen mit einem anderen Merkmal.»
Zwei Bedingungen
Die Wissenschaftler fanden zwei Bedingungen, die erfüllt sein
mussten, damit sich diese Situation im Experiment entwickelte.
Erstens mussten sich die Spielenden in einem Umfeld befinden, das
nicht übereinstimmende Erwartungen auslöst. Wenn hingegen
übereinstimmende Erwartungen vorhanden waren beispielsweise, dass
man auf der linken Seite fährt dann mussten sich die
Versuchspersonen nicht noch hinsichtlich ihrer Erwartungen
voneinander unterscheiden. Die Merkmale erlangten somit keine
Bedeutung als Verhaltensprädiktoren, und die Spielenden bevorzugten
die eigenen Gruppenmitglieder nicht.
Zweitens mussten die Merkmale frei wählbar sein und im Laufe
der Zeit auch überprüft werden können. Konnten die Versuchspersonen
beispielsweise nur ganz zu Beginn des Spiels ein Merkmal wählen und
es nicht umtauschen, wenn ihre Erwartungen im Laufe der Zeit Form
annahmen oder sich änderten, gewannen die Merkmale keine
Vorhersagekraft. Und die Spielenden entschieden sich nicht dazu,
sich in Gruppen von Personen mit dem gleichen Merkmal
zusammenzuschliessen.
Wenn jedoch beide Bedingungen gegeben waren, wurden die
Merkmale mit der Zeit zu immer genaueren Verhaltensprädiktoren, und
die Spielenden zeigten eine zunehmende Tendenz, sich mit Personen
mit dem gleichen Merkmal zusammenzuschliessen.
Ernst Fehr, Direktor des universitären
Forschungsschwerpunktes zur Erforschung der Grundlagen des
menschlichen Sozialverhaltens an der Universität Zürich, erklärte
dazu: «Wenn sich diese Situation einmal entwickelt hatte, war sie
äusserst stabil. Dies deutet darauf hin, dass wenn dieser Trend hin
zu einer Favorisierung von Mitgliedern der eigenen Gruppe einmal in
Gang gesetzt worden ist, dann könnte er sich von einer
gesellschaftlichen Dimension, in der er für alle Beteiligten von
Vorteil ist, auf eine andere Dimension ausweiten, in der er sich
schädlich auswirkt.»
