Medienmitteilung vom 06.11.2008
MedienmitteilungPingpong im Vogelhirn
Wenn Vögel singen, dominieren abwechselnd die Gesangszentren in der rechten und linken Grosshirnhälfte. Dies haben Forscher der Universität Zürich und der ETH Zürich herausgefunden, wie sie in «PLoS Biology» (Volume 6, issue 10) berichten.
Das Sprachzentrum beim Menschen befindet sich in der linken
Grosshirnhälfte. Ganz anders bei Singvögeln: Dort erfolgt die
Vokalisierung in zwei Gesangszentren, die sich in der rechten bzw.
linken Grosshirnhälfte befinden. Im Unterschied zum Menschen
besitzen Vögel keinen Kehlkopf. Sie erzeugen Töne mit Hilfe des
Stimmbildungsorgans Syrinx, das von in der Brust liegenden
Luftsäcken getrieben wird. Um Töne zu erzeugen werden die Luftsäcke
und die Membranen der Syrinx durch fein differenzierte
Kontraktionen der darüber liegenden Muskelstränge gepresst. Die
Steuerung der Muskelkontraktionen erfolgt über die beiden
Gesangszentren. Präzises Singen erfordert ein höchstes Mass an
neuronaler Koordination zwischen linker und rechter Hirnhälfte.
Ungeklärt ist, wie und über welche Wege diese Koordination erfolgt
da die linke und die rechte Grosshirnhälfte nicht direkt, sondern
lediglich über die tiefer liegenden Mittel- und Hinterhirne
miteinander verbunden sind.
Mit dieser Frage befassen sich Professor Richard Hahnloser
und seine Forschungsgruppe vom Institut für Neuroinformatik der
Universität Zürich und der ETH Zürich. Hahnloser und sein Team
haben herausgefunden, dass während des Singens die künstliche
Stimulierung von Nervenzellen abwechselnd Auswirkungen auf das
linke und auf das rechte Gesangszentrum hat. Die beiden
Gesangszentren funktionieren somit arbeitsteilig. «Zwischen den
beiden Gesangszentren findet ein neuronales Pingpong statt»,
beschreibt Hahnloser den von ihm entdeckten schnellen
interhemisphärischen Wechsel.
Hahnloser und sein Team stellten weiter fest, dass der
schnelle Wechsel zwischen linkem und rechtem Gesangszentrum in
einer für jedes Individuum typischen Art erfolgt. Selbst wenn zwei
Vögel eine identische Melodie singen, wie dies bei
Zebrafinken-Brüdern der Fall ist, unterscheidet sich die neuronale
Ansprache der Gesangszentren. Diese erstaunliche Feststellung
weisst darauf hin, dass es bei dem entdeckten Koordinationsschema
um eine erlernte aber nicht von Geburt an mitgegebene Eigenschaft
handelt.
Die Ursache des neuronalen Ping Pongs ist noch unbekannt und
rätselhaft, da die elektrische Aktivität in den beiden
Gesangszentren während des Singens synchronisiert ist und keine
Alternierung zeigt. Da im Gehirn motorische Programme für die
Fortbewegung evolutionär viel älter als Gesangsprogramme sind, ist
es möglich, dass die rechts-links Alternierung im Singvogelhirn von
gleichen Prinzipien abstammt wie die interhemisphärischen
Kommunikation während des Gehens.
Publikation:
Claude Z.H. Wang, Joshua A. Herbst, Georg B. Keller, Richard
H.R. Hahnloser, Rapid Interhemispheric Switching during Vocal
Production in a Songbird. PLoS Biology,
doi:10.1371/journal.pbio.0060250
Hirnforschung an Zebrafinken
Hirnforschung an Zebrafinken gehört zur Grundlagenforschung:
Zebrafinken sind das einfachste Tiermodell, wenn es um das
Verständnis über vokales Lernen geht. Neben Menschen, Walen, und
Fledermäusen gehören Vögel zu wenigen Lebewesen, die ein
differenziertes vokales Ausdruckssystem besitzen. Bei der
Hirnforschung an Zebrafinken geht es um das physiologische
Verständnis des Spracherwerbs.
Die MNF:
Die MNF (Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät) ist
eine der sieben Fakultäten der UZH. Mit ihren über 120
Professorinnen und Professoren an 16 Instituten lehrt und forscht
die MNF auf höchstem Niveau. In den Bereichen Life Sciences und
Umweltwissenschaften zählt die MNF der UZH zu den europäischen
Top-Adressen (Rang 5 im Shanghai-Ranking). Das Institut für
Neuroinformatik ist ein gemeinsam geführtes Institut der
Universität Zürich und der ETH Zürich.
