Medienmitteilung vom 07.05.2008
MedienmitteilungProf. Pierre-Alain Clavien erhält den Otto Naegeli-Preis 2008
Prof. Pierre-Alain Clavien, Direktor der Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie am Universitätsspital Zürich und Ordinarius der Universität Zürich, erhält heute Mittwoch den Otto Naegeli-Preis 2008 der Bonizzi-Theler Stiftung. Prof. Clavien ist der erste Chirurg, der mit dieser bedeutenden Auszeichnung geehrt wird.
Die Stiftung ehrt Prof. Clavien für seine hervorragenden
Leistungen auf verschiedenen Gebieten der Leber- und
Pankreaschirurgie (Leber und Bauchspeicheldrüse). Im Rahmen von
Leberoperationen wird die Durchblutung der Leber kompromittiert
oder vorübergehend nahezu ganz ausgeschaltet. Dies führt zu
zellulären Veränderungen oder gar zum Absterben der Leberzellen.
Prof. Clavien hat nach Möglichkeiten gesucht, wie die Leber nach
derartigen Phasen der Minderdurchblutung besser vor den
Folgeschäden geschützt werden kann. Die dabei gewonnenen und
publizierten Erkenntnisse haben die Medizin und insbesondere die
Leberchirurgie verändert.
Sein Interesse gilt ferner der Leberregeneration. Die Leber
hat die natürliche und einzigartige Fähigkeit, nach Entfernung
eines Teils zu regenerieren. Diese Fähigkeit wird insbesondere bei
der Lebertransplantation mit Lebendleberspende ausgenutzt. Abhängig
von der jeweiligen Krankheit kann dieses Regenerationspotenzial
jedoch stark eingeschränkt sein. Prof. Clavien hat den bis anhin
unbekannten zellulären Mechanismus innerhalb der Blutplättchen und
des Serotonins entdeckt, welcher bei der Leberregenration eine
Rolle spielt. Basierend auf diesen Erkenntnissen werden weltweit
neue therapeutische Konzepte in der Leberchirurgie entwickelt.
Der forschende Chirurge
Prof. Clavien ist jedoch nicht nur als Forscher auf dem
Gebiet der Leberchirurgie und Lebertransplantation international
anerkannt, sondern auch als Chirurg und Klinikleiter. Nach seiner
Rückkehr in die Schweiz im Jahr 2000 hat er mit grossem
persönlichem Einsatz eine moderne, nach amerikanischem Vorbild
akademisch geführte Abteilung für Viszeral- und
Transplantationsmedizin an der Universität Zürich aufgebaut. Sein
grösstes Anliegen ist die Aufwertung des Ansehens des akademischen
Chirurgen. Die Chirurgie ist ein Fach, in welchem Ärztinnen und
Ärzte die manuellen Fähigkeiten lernen und perfektionieren und sich
gleichzeitig auch das Basiswissen für die Grundlagenforschung
aneignen müssen. «Prof. Clavien lebt vor, wie man erfolgreich als
Chirurg und Direktor einer grossen Universitätsklinik tätig sein
und gleichzeitig der Forschung auf höchstem internationalem Niveau
nachgehen kann», so die Laudatio der Stiftung.
Plädoyer für bessere Rahmenbedingungen
In seiner Rede an der Preisverleihung plädierte Prof. Clavien
für Rahmenbedingungen, die in der Schweiz eine Entwicklung hin zur
kompetitiven Spitzenmedizin auf internationaler Ebene ermöglichen.
Er kritisierte, dass seit mehreren Dekaden vermehrt Generalisten
mit hoher klinischer Arbeitsbelastung und ohne klaren Fokus an der
Spitze von Universitätskliniken stehen, was er als gefährliche
Entwicklung erachtet: «Es besteht kein Zweifel, dass auch
Generalisten Forschung betreiben können. Leider ist aber ihre
Ausbildung in dieser Hinsicht ungenügend, und sie sind zuwenig mit
der Methodik der Forschung, insbesondere der Grundlagenforschung,
vertraut.» Prof. Clavien legte dar, wie die Fokussierung auf ein
klinisches Gebiet in eine vertiefte Forschungstätigkeit mündet:
Mittels klinischer Spezialisierung werden noch unbekannte klinische
Probleme erfasst und in Forschungsfragen umformuliert. Aus diesen
Fragestellungen werden experimentelle Projekte, sind diese
erfolgreich, kommen klinische Projekte dazu. Die Ergebnisse
fliessen in den klinischen Alltag und sind in erster Linie von
unmittelbarem Nutzen für den Patienten. Sodann werden die
Forschungsergebnisse publiziert, woraus Spital und Universität
Nutzen ziehen. Dies zeige, so Clavien, wie wichtig klinische
Spezialisierung sei und weshalb die akademische Chirurgie welche
hier stellvertretend für alle perioperativen Fächer inklusive
Intensivmedizin und Anästhesie stehe mit Förderungsmassnahmen
unterstützt werden müsse.
Junge und talentierte Ärztinnen und Ärzte müssten frühzeitig
erkannt und ihnen die für ihre Entwicklung notwendige Freiheit zur
Forschung und Spezialisierung geboten werden. Dabei verwies Prof.
Clavien auf das in Nordamerika praktizierte Tenure-Track System,
das eines der besten universitären Förderungssysteme sei. Es biete
bei der Auswahl der Besten Freiräume, setze aber auch klare
Leitlinien, um Forschung und klinische Tätigkeit auf höchstem
Niveau zu fördern. Prof. Clavien diagnostizierte politischen
Handlungsbedarf, um in der Schweiz eine Entwicklung hin zur
Spitzenmedizin zu ermöglichen: «Es genügt nicht, nur Gesetze wie
dasjenige der 50-Stundenwoche für Ärztinnen und Ärzte zu erlassen,
die dieser Entwicklung entgegen wirken», kritisierte der
Preisträger.
Von Genf über Durham nach Zürich
Prof. Pierre-Alain Clavien studierte an der Universität Genf
Medizin und wurde an der Duke University, Durham, North Carolina,
im Rahmen des Tenure-Track Systems zum Full Professor und Chefarzt
der Division of Transplantation and Liver Surgery. Im Jahre 2000
erfolgte die Berufung als Ordinarius der Medizinischen Fakultät der
Universität Zürich und zum Direktor für Viszeral- und
Transplantationschirurgie am Universitätsspital Zürich.
Prof. Pierre-Alain Clavien hat zahlreiche, viel beachtete
Artikel in renommierten medizinischen Zeitschriften publiziert und
vier Lehrbücher verfasst. Er gilt als international anerkannte
Kapazität auf seinem Spezialgebiet. Mehrere seiner
Forschungsprojekte wurden vom National Institutes of Health (NIH,
USA) und vom Schweizerischen Nationalfond (SNF) finanziert. Er
gehört den weltweit wichtigsten Organisationen seiner
Berufsrichtung an und ist seit 2004 Mitglied des Forschungsrates
des Schweizerischen Nationalfonds. Als Mitglied der Schweizerischen
Akademie der Medizinischen Wissenschaften beschäftigt er sich zudem
intensiv mit Zukunftsperspektiven der Medizin in der Schweiz.
Der mit 200000 Franken dotierte Otto Naegeli-Preis ist eine
der bedeutendsten wissenschaftlichen Auszeichnungen der Schweiz.
Der Otto Naegeli-Preis zur Förderung der medizinischen Forschung
wird alle zwei Jahre von der Bonizzi-Theler Stiftung verliehen. Er
ist nach dem 1938 verstorbenen grossen Wissenschaftler und Lehrer
für innere Medizin an der Universität Zürich, Professor Otto
Naegeli, benannt.

