Medienmitteilung vom 16.09.2008
MedienmitteilungScheibe aus dunkler Materie in unserer Galaxie
Forscher der Universität Zürich sagen die Existenz einer Scheibe aus dunkler Materie in unserer Galaxie, der Milchstrasse, voraus. Wie die Astronomen in «Monthly Notices of the Royal Astronomical Society» berichten, könnte dies zum ersten Mal ermöglichen, dunkle Materie nachzuweisen und deren Beschaffenheit zu klären.
Anders als die bekannte, «gewöhnliche» Materie, aus der Gas und
Sterne bestehen, ist die dunkle Materie unsichtbar. Ihre
Anwesenheit kann nur durch ihren Gravitationseinfluss auf die
Umwelt nachgewiesen werden. Physiker glauben, dass sie 22 Prozent
der Materie im Universum ausmacht verglichen mit 4 Prozent
gewöhnlicher Materie und 74 Prozent der so genannten dunklen
Energie. Trotz ihres omnipräsenten Einflusses weiss niemand, woraus
dunkle Materie genau besteht.
Bisher dachte man, dass dunkle Materie annähernd kugelförmige
Klumpen, so genannte Halos bildet, von denen eines unsere Galaxie
umgibt. Diese Standardtheorie basiert auf
Supercomputer-simulationen, die nur die
Gravitationseinflüsse der dunklen Materie modellieren. Im
Gegensatz dazu haben Dr. Justin Read, Prof. George Lake, Oscar
Agertz, alle von der Universität Zürich, und Dr. Victor Debattista
von der Universität Central Lancashire bei ihrer Arbeit auch die
Einflüsse der Gravitationskraft der Sterne und des Gases
berücksichtigt, die ebenfalls unsere Milchstrasse bevölkern.
Angenommen wird, dass Sterne und Gas schon frühzeitig eine
Scheibe bilden, die dann die Entstehung kleinerer Halos aus dunkler
Materie beeinflussen. Die Ergebnisse des Forschungsteams deuten
darauf hin, dass die meisten Klumpen dunkler Materie in unserer
Umgebung zum Halo um unsere Milchstrasse verschmelzen. Die grössten
von ihnen werden bevorzugt von der galaktischen Scheibe angezogen
und dort auseinander gerissen, wo sie eine Scheibe aus dunkler
Materie in unserer Galaxie formen.
Geringere Dichte
«Die dunkle Scheibe hat ungefähr eine halb so grosse Dichte
wie das dunkle Halo. Daher wurde sie bisher nicht entdeckt», sagt
Hauptautor Justin Read. «Trotz ihrer geringen Dichte hat sie jedoch
wegen ihrer eigenen Rotation einschneidende Auswirkungen auf die
Detektion von dunkler Materie hier auf der Erde.»
Erde und Sonne bewegen sich mit ca. 220 km/h auf einer fast
kreisförmigen Umlaufbahn um das Zentrum unserer Galaxie. Da das
dunkle Halo nicht rotiert, ist es für uns auf der Erde so, als ob
wir einen Wind dunkler Materie spüren, der mit grosser
Geschwindigkeit auf uns zu fliegt. Im Gegensatz dazu ist
der Wind der dunklen Scheibe sehr viel geringer, da die Scheibe
quasi mit der Erde zusammen rotiert.
«Es ist als sässe man in einem Wagen auf der Autobahn», sagt
Teammitglied Dr. Victor Debattista von der Universität Central
Lancashire. «Es fühlt sich an, als ob alle anderen Autos
stillstehen würden, weil sie sich mit der gleichen Geschwindigkeit
bewegen.»
XENON-Detektionsexperiment
Diese Fülle von langsamer, dunkler Materie-Teilchen könnte
sich für die Forscher als wahrer Segen erweisen, da sie eine viel
grössere Resonanz bei Detektoren von dunkler Materie hervorruft.
«Heutige Detektoren können diese langsamen Teilchen noch nicht vom
Hintergrundrauschen unterscheiden», erklärt Prof. Laura Baudis von
der Universität Zürich. Sie ist eine führende Forscherin des
XENON-Detektionsexperimentes im unterirdischen Labor Gran Sasso in
Italien, mit dem dunkle Materie nachgewiesen werden soll. «Der
XENON100-Detektor dagegen, den wir gerade in Betrieb nehmen, ist
sehr viel empfindlicher. Er wird in der Lage sein, die meisten
gängigen Teilchenkandidaten der dunklen Materie zu detektieren,
wenn es sie gibt.»
Diese neuen Forschungsergebnisse schüren die aufregende
Erwartung, dass die dunkle Scheibe und damit dunkle Materie in
näherer Zukunft entdeckt werden können.

