Medienmitteilung vom 21.10.2008
MedienmitteilungUZH-Studie konstatiert: Verlorenes Jahrzehnt für das Volkssparen in Aktien
Eine breite Schicht der Schweizer Bevölkerung scheint bezüglich des Aktiensparens desillusioniert zu sein. Die Euphorie, welche noch vor wenigen Jahren grössere Teile der Bevölkerung zum Erwerb von Aktien motivierte, ist einer nunmehr sehr viel nüchterneren Sicht gewichen. Die Immobilienkrise in den USA und deren Folgen hinterlassen deutliche Spuren. So hat sich beispielsweise der Anteil der direkten und indirekten Aktionäre bei einem Niveau von 20 Prozent eingependelt. Dies ist eines der Ergebnisse der Studie des Institutes für schweizerisches Bankenwesen der Universität Zürich, welche im Rhythmus von zwei Jahren dieses Jahr zum fünften Mal durchgeführt wurde.
Gerade bei den jüngeren Bevölkerungsgruppen, wo ein langfristig
ausgelegtes Aktiensparen besonders sinnvoll wäre, haben viele der
Börse den Rücken gekehrt. Auch Hausse-Phasen wie die der Jahre 2005
und 2006 führten zu keiner wesentlichen Veränderung der jetzt
vorherrschenden Zurückhaltung. «Betrachtet man zusätzlich die
Indexstände, versteht man die Lethargie der Aktieninvestoren,
befindet sich doch der Swiss Market Index (SMI) im Wesentlichen auf
dem gleichen Stand wie vor zehn Jahren», fasst Studienleiter
Teodoro Cocca die Ergebnisse zusammen und folgert: «Man kann auch
von einem verlorenen Jahrzehnt für das Volkssparen in Aktien
sprechen.»
Als direkte Verursacherin manifestiere sich dabei die
Börsenwelt, habe sich doch der Aktienmarkt in dieser Zeit von der
launischen Seite gezeigt: Nachhaltige Wertmehrung blieb ein
seltenes Ereignis. Vielmehr prägten Übertreibungen, Exzesse und
fehlendes Risikobewusstsein die Börsenschlagzeilen. Das Auf und Ab
selbst etablierter Schweizer Blue-Chips hinterlässt einen faden
Beigeschmack. Gemäss Cocca «hat die Börsenwelt ihren Zauber vorerst
verloren, und es könnte lange dauern, bis neue Anleger wieder
vertrauensvoll Aktieninvestments tätigen werden.» Dies sei insofern
umso bedauerlicher, weil sich dank der rasanten technologischen
Entwicklung der letzten zehn Jahre die Informations- und
Handelsmöglichkeiten und mit diesen auch der Börsenzugang für
breite Bevölkerungskreise dramatisch verbessert habe, und
schliesst: «Eine solide Kursentwicklung hätte vor diesem
Hintergrund die Basis für eine volkswirtschaftlich wünschbare
Erhöhung der Aktionärsquote bilden können.»
Die sich im Sommer ausweitende Immobilienkrise in den USA und
deren Folgen hinterlassen in den Zahlen der diesjährigen Erhebung
deutliche Spuren. Zwar ist schon länger bekannt und auch empirisch
nachgewiesen, dass ganz allgemein beispielsweise US-Anlagen
riskanter eingeschätzt werden als einheimische Anlagen, doch erst
die Zahlen der diesjährigen Erhebung zeigen das Ausmass der Skepsis
gegenüber US-Anlagen, welches seit 2006 deutlich zugenommen hat.
Cocca erkennt hier das Dilemma der Diversifikation: «Der Verstand
würde eine internationale Diversifikation diktieren, der Bauch
lässt sich aber von der vermeintlichen Sicherheit der heimischen
Titel täuschen.» Die Verunsicherung der Anleger lasse sich zudem
darin erkennen, dass sich der Grossteil von ihnen nicht zutraue,
den Aktienmarkt während den kommenden zwölf Monaten zu schlagen.
Dies sei insofern bemerkenswert, als in gewöhnlichen Börsenphasen
die sogenannte «Selbstüberschätzung» der Aktionäre ein durchaus
bekanntes Phänomen darstelle. Die Probleme der Schweizer Bankenwelt
im Zusammenhang mit der US-Immobilienkrise werden zudem in der
Absicht nicht weniger Anleger sichtbar, die Hausbank wechseln zu
wollen oder zumindest daran gedacht zu haben.
Einen grossen Vertrauensverlust erlitten haben auch Banken
und Finanzdienstleister selber was angesichts der Eskalation von
negativen Nachrichten aus der Finanzwelt innerhalb der letzten 18
Monate wenig erstaunt. Bemerkenswert demgegenüber ist allerdings
der weitere Vormarsch der Strukturierten Produkte. Statt auf
Aktienanlagen scheinen die Anleger neu auf Strukturierte Produkte
zu setzen. «Dabei stimmt allerdings nachdenklich, dass ein
Grossteil der in diese Instrumente investierenden Anleger aussagt,
Wesen und Funktionsweise eines Derivats nicht zu kennen»,
präzisiert Cocca und schliesst: «Bleibt zu hoffen, dass diese
Anleger durch gute Anlageberater unterstützt werden, welche die
mancherorts nötige Aufklärungsarbeit leisten können.»
Zu den Autoren:
Prof. Teodoro D. Cocca
Teodoro D. Cocca ist Lehrbeauftragter für Banking und Finance
an der Universität Zürich und Professor für Asset Management an der
Johannes Kepler Universität Linz. Zuvor war er acht Jahre am
Institut für schweizerisches Bankwesen der Universität Zürich tätig
und hat in dieser Zeit die vorliegende Studie konzipiert und
geleitet. Er ist Mitglied der Executive-Education-Fakultät des
renommierten Swiss Finance Instituts sowie Chairman des jährlich
stattfindenden Private Banking Summit.
Prof. Dr. Rudolf Volkart
Rudolf Volkart ist em. Ordinarius für Corporate Finance des
Instituts für schweizerisches Bankwesen der Universität Zürich. Er
ist als Verwaltungsrat verschiedener Gesellschaften und als
Gutachter sowie als Senior Partner der IFBC AG in Zürich aktiv.
Besondere Arbeitsschwerpunkte bilden unter anderem
Unternehmensbewertung und betriebliches Wertmanagement. Rudolf
Volkart ist Autor zahlreicher finanzwirtschaftlicher Aufsätze und
Buchpublikationen.
Pablo Von Siebenthal
Pablo von Siebenthal arbeitet als Assistent am Institut für
schweizerisches Bankwesen der Universität Zürich.
Zur Studie
Die hier vorliegende Studie bzw. Studien-Serie ist die erste
ihrer Art für die Schweiz, was die Grösse des Befragtenpanels (2000
Befragte pro Durchführung), den mehrjährigen Zeitraum (8 Jahre) und
die Methodologiekonstanz anbelangt. Auch international stellt diese
Studie eine einzigartige Datengrundlage dar. Die Interviews wurden
im Zeitraum von Mai bis Juni 2008 durchgeführt.
Bei der aktuellen Erhebung handelt es sich um eine Neuauflage
der je in den Jahren 2000, 2002, 2004 und 2006 aufgelegten Studie
«Aktienbesitz in der Schweiz».
Die Studie ist mit finanzieller Unterstützung der Stiftung
Ecoscientia und des NCCR FINRISK (National Centre of Competence in
Research «Financial Valuation and Risk Management») entstanden.
