Medienmitteilung vom 06.03.2008
MedienmitteilungVom Grünschnabel zum Weisskittel 175 Jahre Medizinstudium in Zürich
Traum oder Alptraum? Professoren trichtern einem schlafenden Medizinstudenten den ausufernden «Lernstoff» buchstäblich in den Kopf hinein. Die studentische Karikatur von 1917 ist eines von 175 Exponaten, die vom 7. März bis zum 31. Mai in der Ausstellung «Vom Grünschnabel zum Weisskittel 175 Jahre Medizinstudium in Zürich» im Foyer West der Universität zu sehen sind.
Zum Universitätsjubiläum zeigt das Archiv des
Medizinhistorischen Instituts eindrucksvolle, bislang nie
öffentlich gezeigte Bestände, darunter lebensgrosse anatomische
Modelle, chirurgische Lehrfilme der 1930er Jahre über das
Knocheneinrenken, kunstvoll gemalte Lehrtafeln, liebevoll geführte
Fotoalben und weniger liebevolle Karikaturen von Professoren. Die
Exponate stammen aus Nachlässen von Instituten, Professoren und
Studierenden von den Anfängen der Universität bis in die 1970er
Jahre.
Zeitspezifische Lehrinhalte
Ein Medizinstudium vermittelte immer schon mehr als
wissenschaftliche Tatsachen aus Theorie und Praxis der Medizin. Es
formte die Studierenden zu «Weisskitteln» ihrer Epoche.
Wie zeitabhängig Unterrichtsinhalte sein können, illustrieren
etwa Lehrbilder aus der alten Sammlung des Zürcher Kinderspitals.
Anhand dieser Kinderfotos lernten die Studierenden vor vielen
Jahrzehnten, dass ein aufstehender Haarschopf, ein angebliches
«Lausbubengesicht» oder eine lange Grosszehe die Degeneration der
Kinder anzeige.
Der Hörsaal bildete das traditionelle Epizentrum der
medizinischen Lehre. Die Ausstellung zeigt das Originalmanuskript,
mit dem der Psychiater Auguste Forel 1887 die Hypnose in den
medizinischen Unterricht einführte. Die Vorlesung löste einen
Ansturm auf den Hörsaal aus. Viele damalige Zuhörer beschrieben
dieses Ereignis Jahrzehnte später in ihren Lebenserinnerungen,
etwa der spätere Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann oder
der Zürcher «Arztrebell» Fritz Brupbacher.
Studierende im Mittelpunkt
Viel Raum widmet die Ausstellung den Studierenden und ihrem
Alltag zwischen Lernen und Freizeit. Wie viel Sitzfleisch sie im
Hörsaal haben mussten, lassen die vielen ausgestellten
Vorlesungsmitschriften erahnen. Die älteste dokumentiert eine
Physiologievorlesung des Rektors Lorenz Oken von 1833 im ersten
Semester der neu gegründeten Universität. Im späteren 19.
Jahrhundert lösten farbige anatomische Kunstwerke die früheren
Federzeichnungen in den Mitschriften ab. Eines dieser «Kolleghefte»
stammt aus der Studentenzeit von Hermann Rorschach, dem späteren
Erfinder des «Tintenklecks-Tests».
Die Universität Zürich war eine Pionierin des Frauenstudiums.
Die Studienunterlagen von Marie Vögtlin dokumentieren ihren
steinigen Weg von der ersten Schweizer Studentin zur ersten
Schweizer Ärztin im Jahre 1874. Obwohl die Universität Frauen schon
sehr früh zum Studium zuliessen, bildeten die Medizinstudentinnen
lange ein Kuriosum. Noch 1928 etwa erhielten Studentinnen ein
Zeugnisformular, das nur die «Herren» Studenten vorsah.
Die in der Ausstellung gezeigten Diplome und Testate werfen
nicht nur ein Licht auf den Studienaufbau und Prüfungsmarathon. Sie
erzählen auch von der Kultur des Studierens früherer Zeiten. Allein
schon für die Einschreibung erhielten die Studenten um 1850 eine
lateinische Urkunde, die heute einer Promotion zur Ehre gereichen
würde. Und wer die Universität wechselte, brauchte ein «Abgangs-
und Sittenzeugnis», in dem auch das Betragen der Studierenden
vermerkt war.
Besucherinnen und Besucher folgen den Grünschnäbeln auf ihrem
Weg zu «Weisskitteln» und lernen dabei das Zürcher Medizinstudium
früherer Zeiten aus unterschiedlichsten Perspektiven kennen. Zum
Schluss können sie selbst in die Rolle von Medizinstudierenden
schlüpfen und am Computer einen Test machen, Memory mit
Professorenkarikaturen spielen oder ganz traditionell an
Malvorlagen ihre anatomischen Kenntnisse vertiefen.
Begleitbuch «Innenansichten einer Ärzteschmiede»
Begleitend zur Ausstellung ist der reich illustrierte
Sammelband «Innenansichten einer Ärzteschmiede» im Chronos-Verlag
erschienen. Die interdisziplinären Beiträge vertiefen einzelne
Aspekte rund um die Geschichte des Zürcher Medizinstudiums. Dabei
geht es um das Frauenstudium und seine frühen Akteurinnen, die
ersten Schweizer Juden, die an der Universität Zürich Medizin
studierten, sowie ehemals aktuelle Lehrinhalte wie die Hypnose und
die Eugenik. Weitere Beiträge behandeln die Debatten über die
Inhalte des Medizinstudiums und die Veränderung der
Unterrichtsmedien bis hin zum heutigen «E-Learning».
Freitag, 7. März bis Samstag, 31. März 2008
Uni-Hauptgebäude, Rämistrasse 71, 8006 Zürich, Foyer West.
Mo-Fr 8-22 Uhr, Sa 8-12 Uhr, So/Feiertag geschlossen.
Eintritt frei.
Begleitpublikation: Innenansichten einer Ärzteschmiede.
Lehren, lernen und leben - aus der Geschichte des Zürcher
Medizinstudiums. Hg. von Iris Ritzmann, Wiebke Schweer und Eberhard
Wolff. Zürich, Chronos-Verlag 2008, 240 S., 80 teils farbige
Abbildungen. CHF 34, 20.60. ISBN 978-3-0340-0909-6.

