Medienmitteilung vom 09.10.2008
MedienmitteilungWarum Riesendinosaurier so gross wurden
Sauropoden waren mit einer Körperlänge von gegen 40 Metern, einer Höhe von 17 Metern und einem Gewicht von bis zu 100 Tonnen die grössten Landtiere, die je unsere Erde bewohnten. Ihr einzigartiger Gigantismus war möglich, weil sie Eier legten und viele Nachkommen hatten, die Nahrung nur herunterschlungen anstatt sie zu kauen, eine vogelähnliche Lunge aufwiesen und eine flexible Stoffwechselrate hatten. Dies berichten Forscher der Universitäten Bonn und Zürich in der neuesten Ausgabe von «Science».
Dinosaurier werden in der Regel als eine Sackgasse der Evolution
betrachtet. Ihr noch immer nicht vollends erklärtes Aussterben
verleitet gerne zu der Ansicht, sie seien keine wirklich
erfolgreiche Wirbeltier-Gruppe gewesen. Doch die pflanzenfressenden
Sauropoden als grösste Landtiere aller Zeiten bildeten nicht
nur 120 verschiedene Gattungen aus, sondern dominierten auch die
terrestrischen Ökosysteme ihrer Zeit für über 100 Millionen Jahre
lang. Wenn pflanzenfressende Säugetiere jemals gleich erfolgreich
sein wollen, müssen sie ihre gegenwärtige Überlebenszeit auf der
Erde noch einmal verdoppeln. «Bislang gab es auf der Erde keine
erfolgreicheren Pflanzenfresser als die gigantischen Sauropoden»,
erklärt der Physiologe Marcus Clauss von der Universität Zürich.
Marcus Clauss und der Bonner Paläontologe Martin Sander
beschreiben in der Ausgabe vom 10. Oktober 2008 von «Science»,
warum die Sauropoden so gross werden konnten. Im Gegensatz zu
Säugetieren wiesen die Sauropoden die evolutionsgeschichtlich
«altmodische» Eigenschaft auf, dass sie ihr Futter nicht kauten.
Sie hatten also keine Kauzähne, die den Kopf mit steigendem
Körpergewicht überproportional grösser machen. Es gab also keine
Beschränkung durch übergrosse Köpfe und somit wurden auch die sehr
langen Hälse möglich eine Form, die bei Säugetieren komplett
fehlt. Die Hälse der Giraffe oder des Kamels sind im Vergleich zu
den Sauropodenhälsen extrem kurz. Sauropoden schlossen die Nahrung
also nicht durch Kauen auf, sondern glichen dies vermutlich
schlicht durch die lange Zeit aus, die die Nahrung in ihren
riesigen Därmen der Verdauung ausgesetzt war.
Viele Nachkommen
Sauropoden hatten noch eine andere «altmodische» Eigenschaft
sie legten Eier. Die für die Fortpflanzung benötigte Energie
wurde nicht in ein einziges, gut behütetes Jungtier gesteckt,
sondern in zahlreiche Nachkommen. Wenn eine Naturkatastrophe die
Population deutlich reduzierte, konnten so wenige Elterntiere rasch
Nachkommen produzieren, so dass sich die Population schnell erholen
konnte. «Dies ist ein wichtiger Grund für den langen, bisher
ungebrochenen Überlebensrekord des Modells Dinosaurier», erklärt
Marcus Clauss.
Eine Eigenschaft der Sauropoden und einiger anderer
Dinosaurier war jedoch «hoch entwickelt» und findet ein Äquivalent
im Tierreich wohl nur bei Vögeln ihre vogelartigen Lungen. Das
Lungensystem von Vögeln ist durch verschiedenste grosse Luftsäcke
in ihrem Körper gekennzeichnet, die auch in die Knochen
hineinreichen und diese dadurch leicht machen. Bei
Sauropodenknochen, vor allem in den Halswirbeln, wurden zahlreiche
Hinweise auf eine solche Pneumatisierung gefunden. Diese
hocheffektiven Lungen könnten einerseits eine hohe Stoffwechselrate
insbesondere bei Jungtieren ermöglicht haben. Andererseits hätten
die Luftsäcke und Knochen-Pneumatisierung den riesigen Hals leicht
gemacht und zugleich die innere Oberfläche der Tiere vergrössert,
so dass durch die Atmung mehr Wärme an die Umgebung hätte abgegeben
werden können.
Eine letzte, vermeintlich hoch entwickelte Eigenschaft wird
für die Sauropoden diskutiert nämlich eine Stoffwechselrate, die
sich im Laufe der Entwicklung vom Jungtier zum Erwachsenenstadium
deutlich verändert. Ein Äquivalent dazu ist im heutigen Tierreich
nicht bekannt. Diese Eigenschaft kann nicht anhand von Fossilfunden
belegt werden, sondern ergibt sich aus einem logischen Dilemma: die
Wachstumsraten der Sauropoden waren enorm und denen von Säugetieren
vergleichbar das weiss man aus Untersuchungen von Wachstumszonen
am Knochen. Ein 10 Kilogramm schwerer Schlüpfling erreichte ein
Körpergewicht von bis zu über 30 Tonnen innerhalb von ca. 20
Jahren. «Ein solches Wachstum ist ohne eine Säugetier-ähnliche
Stoffwechselrate nicht denkbar», sagt Marcus Clauss. Berechnungen
zeigen jedoch, dass ein ausgewachsener Sauropode selbst mit der
vergrösserten «inneren Oberfläche» mit einem Säugetier-Stoffwechsel
überhitzen würde. Die einfachste Erklärung wäre, dass bei diesen
Tieren die Stoffwechselrate mit zunehmender Körpergrösse absinkt.
Der Gigantismus der Sauropoden lässt sich somit aus einer
Kombination von evolutionsgeschichtlich alten Eigenschaften
(Fortpflanzung mittels Eiern, keine Zerkleinerung der Nahrung) und
hochmodernen Anpassungen (vogelartige Lunge, flexible
Stoffwechselrate) erklären. Säugetiere weisen eine andere
Kombination von modernen Anpassungen auf (Fortpflanzung mittels
Lebendgeburt, hochgradige Zerkleinerung der Nahrung mittels Zähne,
hohe Stoffwechselrate), die höchstwahrscheinlich die maximal
mögliche Körpergrösse einschränken.



