Medienmitteilung vom 04.09.2009
Auf zur Zeitreise: Universität Zürich und ETH Zürich zeigen die ganze Evolution am Hauptbahnhof
Für drei Tage laden Universität Zürich und ETH Zürich die Bevölkerung zu einer Zeitreise von 3,5 Milliarden Jahren. In der Halle des Hauptbahnhofs Zürich werden die wichtigsten Ereignisse der Evolution lebendig nacherzählt. Organisiert wurde die Ausstellung «Der Baum des Lebens: Einheit und Vielfalt» aus Anlass des Doppeljubiläums von Charles Darwins zweihundertstem Geburtstag und dem Erscheinen seiner Evolutionstheorie vor 150 Jahren. Einen spannenden Einblick in ausgewählte Exponate vermittelten an der heutigen Medienführung zwei Experten auf den Spuren Darwins, die Biologen Uli Reyer von der Universität Zürich und Paul Schmid-Hempel von der ETH Zürich.
Darwin zeigte, dass alle Lebewesen durch ihre Evolution voneinander abstammen. Dies wurde bald als Baum skizziert, der alle Organismen trägt. Heute ist ein dreidimensionales Abbild dieses Lebensbaumes in der Halle des Zürcher Hauptbahnhofes zu sehen: Plastisch, bildhaft und verständlich macht er die Entwicklung des Lebens von seinem Beginn bis heute nachvollziehbar und berichtet dabei gleichzeitig von den wichtigsten evolutionsbiologischen Prinzipien und Mechanismen.
Einheit und Vielfalt
Vermutlich rund zehn Millionen Organismen bilden den Baum des Lebens. Dieser Baum illustriert sowohl die Einheit allen Lebens, die gemeinsame Wurzel, wie auch dessen Vielfalt, seine schier unendliche Fülle. Niemand weiss ganz genau, wie viele Tiere, Pflanzen, Pilze und Mikroorganismen diesen Baum tatsächlich bevölkern. Täglich werden neue Arten entdeckt und andere sterben aus. Und die weitaus meisten Arten, die im Laufe der Erdgeschichte jemals existiert haben, sind wieder verschwunden. Was wir seit Darwin aber wissen, ist, dass alle Organismen auf unserem Planeten aus einfacheren Vorfahren entstanden sind und dass alle Zweige des Baumes eine gemeinsame Wurzel haben, die ca. 3,5 Milliarden Jahre zurückreicht.
Wie es dabei aber zu dieser enormen Vielfalt an Arten gekommen ist, warum aus der einen gemeinsamen Wurzel nicht ein einziger, grosser und unverzweigter Stamm erwachsen ist, dazu gab es über die Jahrhunderte eine Fülle von Erklärungsversuchen. Allen kritischen Überprüfungen standgehalten hat aber nur eine einzige: die Evolutionstheorie, die Charles Darwin 1859 in seinem Buch «Über die Entstehung der Arten» formuliert hat.
Tot und lebendig
Der Ausstellungsbaum schildert die spannendste Fortsetzungsgeschichte, die je auf diesem Planeten stattgefunden hat und führt als Abbild der Entfaltung des Lebens sowohl die Vielfalt des Lebens wie auch dessen verbindenden Gemeinsamkeiten vor Augen. Zu sehen gibt es in der Bahnhofshalle unter anderem Mikroorganismen, Fossilien, Pilze, Pflanzen und Tiere, viele davon lebendig, wie etwa die Galapagos-Riesenschildkröten, Frösche, Mäuse, chinesische Gelbbauchunken und Spinnen; andere Tiere sind ausgestopft, wie etwa der Gorilla, das Krokodil oder der Elefant. Wiederum andere sind – wie 99,99 % aller übrigen Organismen – heute ausgestorben, an der Ausstellung aber nicht zu übersehen, so z.B. die riesigen Dinosaurierskelette. Texttafeln, Videoprojektionen und Faltblätter zum Mitnehmen verschaffen zudem vertiefende Informationen zu den präsentierten Forschungsprojekten.
Sehr lebendig ist auch die heutige Forschung auf dem Gebiet der Evolution. Forschende an den Stationen freuen sich auf Gespräche mit den Besucherinnen und Besuchern und vermitteln interessante Einblicke in die Grundbegriffe und Resultate der aktuellen Evolutionsforschung. Dabei erfahren die Besucherinnen und Besucher vieles aus erster Hand, denn Forschende der Universität Zürich und der ETH Zürich spielen international in der obersten Liga mit, und insgesamt rund 60 Forschungsgruppen der beiden Institutionen sind auch am Ausstellungsprojekt beteiligt.
Ein exemplarischer Einblick: Biene – Frosch – Saurier – Mensch
Die beiden Biologen Prof. Uli Reyer von der Universität Zürich und Prof. Paul Schmid-Hempel von der ETH Zürich gaben heute anlässlich der Führung durch die Ausstellung einen exemplarischen Einblick in vier der Exponate. Der Rundgang führte von Organismen der Luft (von Bienen) zum Übergang zwischen Wasser und Land (zu den Fröschen) und von da zu einem Abstecher in die Vergangenheit (zu den Sauriern) und endete beim Menschen, als letzte Station der Ausstellung.
Paul Schmid-Hempel weiss, was Insekten über evolutive Prozesse aussagen können. Nicht nur, dass sie den Sozialstaat lange vor uns erfunden haben, sie lehren uns auch Wesentliches über die Schönheit. Anhand der Wildbienenkolonie schildert er, wie Attraktivität zum Überlebensvorteil werden kann: «Tatsächlich ist Schönheit relativ. Viele Farben und Düfte sind auch für uns attraktiv, aber manches wirkt auf uns absurd. Blumen locken Bestäuber an, und Männchen buhlen um die Gunst der Weibchen. Und gewisse Blumen sind auch schon ausgestorben, weil sie den Insekten nicht schön genug waren», berichtete er und erläutert, dass die Blumen deshalb von den Insekten gemieden und also nicht bestäubt wurden. An der Ausstellung erfährt man, dass Insekten vor etwa 400 Millionen Jahren auf den Plan traten, dass die ersten Insekten noch flügellos waren und dass die geflügelten Arten, welche heute in ihrer Formenvielfalt dominieren, erst 50 Millionen Jahre später auftraten. Die Wildbienen sind an der Ausstellung in einer Box zu sehen. Lebendig und gegenwärtig, wie die Bärtierchen, die auf einem etwas früheren Ast des Lebens anzutreffen sind.
Welches die ersten Landgänger unter den Wirbeltieren waren und warum es zu dieser Entwicklung kam, darauf weiss Uli Reyer eine Antwort: «Mit zunehmender Zahl der Organismen kam es im Wasser, dem ursprünglichen Lebensraum, zu immer mehr Konkurrenz um Nahrung und andere Ressourcen. Die Besiedlung des Landes verschaffte den Organismen Zugang zu neuen, bisher ungenutzten Ressourcen und ermöglichte ihnen so, der starken Konkurrenz im Wasser auszuweichen.» Aus fischähnlichen Vorfahren evoluierten Amphibien. Anfangs waren diese ersten Landgänger unter den Wirbeltieren noch klein. Doch bald entwickelten sich sehr grosse, bis zu fünf Meter lange Formen, wodurch die Amphibien zur dominierenden Tiergruppe wurden. Doch nur ein kleiner Teil dieser Vielfalt sollte überleben, denn die meisten der frühen Amphibien-Formen fielen dem Massenaussterben zum Opfer. Wie und warum Organismen aussterben, war die Frage, die bei der Station «Saurier» thematisiert wurde, bevor die Führung bei der Station «Mensch» beendet wurde.
Auf zum Bahnhof: Zeitreise bis Sonntag
Ob wir Menschen zu einer gefährdeten Art gehören und welchen Platz wir auf dem Stammbaum des Lebens einnehmen, darauf verspricht die Ausstellung am Hauptbahnhof die Antwort. Bis Sonntag ist die Bevölkerung geladen, sich auf die Zeitreise durch die Evolution zu begeben und die Schönheit und Vielfalt des Lebens hautnah zu erfahren.
Ausstellung «Der Baum des Lebens: Einheit und Vielfalt»
Eine Veranstaltung im Rahmen des Darwin-Jubiläumsjahres der Universität Zürich und der ETH Zürich, organisiert in Zusammenarbeit mit Life Science Zurich, einem gemeinsamen Projekt der beiden Institutionen.
In der Halle des Hauptbahnhofs Zürich (RailCity)
Öffnungszeiten
Freitag, 4. September 2009, 08:000–22:00 Uhr
Samstag, 5. September 2009, 10:000–24:00 Uhr
Sonntag, 6. September 2009, 10:000–20:00 Uhr
Eintritt frei



