Medienmitteilung vom 19.03.2009
MedienmitteilungDen Grundlagen des Lernens und Gedächtnisses auf der Spur
Beim Lernen spielt das Eiweiss Neurotrypsin eine zentrale Rolle. Forschende der Universität Zürich haben jetzt gezeigt, wie im Zusammenspiel zwischen Neurotrypsin und dem Eiweiss Agrin neue Synapsen entstehen können. Ihre Studie über die biochemischen Grundlagen des Lernens erscheint am 20. März 2009 in der renommierten Wissenschaftszeitschrift «Cell».
Professor Peter Sonderegger vom Biochemischen Institut der
Universität Zürich beschäftigt sich mit der Frage, wie wir lernen
und das Gelernte speichern können. Die Antwort liegt im Verständnis
des Phänomens der synaptischen Plastizität. Nervenzellen tauschen
ihre elektrischen Signale an Kontaktstellen, den so genannten
Synapsen, aus. Durch die synaptische Signalübertragung zwischen den
Nervenzellen entstehen elektrische Schaltkreise, welche die
Grundlage liefern für die informationsverarbeitenden Funktionen des
Gehirns. Beim Lernen und für die Speicherung des Gelernten werden
elektrische Schaltkreise des Gehirns durch verschiedene Prozesse
verändert.
Vorläufer neuer Synapsen entstehen
Der Forschungsgruppe um Peter Sonderegger ist es nach 15
Jahren intensiver Forschung gelungen, einen Regulationsmechanismus
der synaptischen Plastizität auf biochemischer und struktureller
Ebene aufzuklären. So konnten er und seine Mitarbeitenden zeigen,
wie das Eiweiss Neurotrypsin dazu beiträgt, dass nach intensiver
Aktivierung bestehender Synapsen die Bildung neuer Synapsen
eingeleitet wird.
Menschen, denen das Eiweiss Neurotrypsin aufgrund eines
genetischen Defekts fehlt, haben zwar normale Organ- und
Muskelfunktionen, sind aber geistig schwer behindert. Obwohl ihr
Gehirn anatomisch normal aussieht, können diese Menschen weder
sprechen noch lesen lernen oder einfache praktische Tätigkeiten
ausüben. Diese schwerwiegenden Ausfallerscheinungen zeigen die
essentielle Rolle von Neurotrypsin für Lernen und Gedächtnis.
Mechanismus für Langzeitgedächtnis
Die Untersuchungen im Sonderegger-Labor zeigen nun, wie
Neurotrypsin seine unentbehrlichen Funktionen entfaltet. Im
gesunden Gehirn führt der Impuls einer aktiven Nervenzelle zur
Ausschüttung von Neurotrypsin an den Synapsen. Nur wenn auch die
nachfolgende Nervenzelle aktiv ist, kann Neurotrypsin mit einem
weiteren Eiweiss, dem Agrin, interagieren und es spalten. Das unter
anderem entstehende kurze Agrin-Fragment bewirkt seinerseits die
Bildung von so genannten Filopodien. Diese fingerartigen
Ausstülpungen der Zelle gelten als Vorläufer von Synapsen. Durch
die spezifische Kommunikation zweier aktiver Nachbarzellen werden
also an der Synapse biochemische und zelluläre Prozesse in Gang
gesetzt, die letztendlich zu neuen Synapsen und damit zu einer
strukturellen Veränderung der neuronalen Schaltkreise führen
können. Das Neurotrypsin-Agrin-System fungiert dabei quasi als
«Koinzidenzdetektor», d.h. es wirkt wie ein Sensor, der die
zeitgleiche Aktivität zweier verknüpfter Nervenzellen signalisiert.
Vermutlich ist dieser Mechanismus besonders wichtig für die
Ausbildung und den Unterhalt von Langzeitgedächtnisleistungen.
Auch in Zukunft wird sich die Gruppe Sonderegger mit dem
Phänomen des Lernens und der langzeitigen Speicherung der
Gedächtnisinhalte beschäftigen. Sie wird versuchen, den Mechanismus
noch detaillierter zu verstehen und weitere Interaktionspartner des
Neurotrypsin-Agrin-Systems zu identifizieren. Zudem soll die
spezifische Rolle des Neurotrypsin-Agrin-Koinzidenzdetektors für
die Stabilisierung von Lerninhalten in verschiedenen
Gedächtnissystemen ergründet werden.
Originalbeitrag:
Matsumoto-Miyai, K., Sokolowska, E., Zurlinden, A., Gee,
C.E., Lüscher, D., Hettwer, S., Wölfel, J., Ladner, AP., Ster, J.,
Gerber, U., Rülicke, T., Kunz, B. & Sonderegger, P.: Coincident
pre- and postsynaptic activation induces dendritic filopodia via
neurotrypsin-dependent agrin cleavage. Cell, März 2009
