Medienmitteilung vom 22.10.2009
Jugendliche sind dem Glauben näher, als man glaubt
Traditionelle Werte bestimmen die Motivation, sich konfirmieren zu lassen, entscheidend mit, und die Jugendlichen zeigen sich insgesamt Glaubensfragen gegenüber erstaunlich offen. Dies zeigen Resultate einer breit angelegten, internationalen Studie mit Beteiligung von Forschenden der Universität Zürich. Präsentiert werden die Studienergebnisse heute am Studientag «Konfirmandenarbeit in der Schweiz».
Die Zahl der Konfirmanden im Kanton Zürich hat sich in den letzten dreissig Jahren halbiert. Doch der Grund hierfür liegt nicht in mangelndem Interesse, sondern in der demographischen Entwicklung: Noch immer lassen sich 90% der reformierten Jugendlichen eines Jahrgangs konfirmieren.
Die Motivation für die Teilnahme am Konfirmandenjahr, die Erwartungen der Jugendlichen und auch der Mitarbeitenden und Eltern an diese Zeit sowie die generelle Einstellung dem Glauben und der Kirche gegenüber hat nun der praktische Theologe Thomas Schlag von der Theologischen Fakultät der Universität Zürich zusammen mit seinem Team im Kontext einer breit angelegten internationalen Studie erforscht.
Erstmals wird damit die gegenwärtige Konfirmandenarbeit in protestantischen Kirchen Europas zum Gegenstand der Forschung, wobei die Perspektiven aller Beteiligter mitberücksichtigt wurden, d.h. jene der Konfirmanden und Konfirmandinnen, jene der verantwortlichen Pfarrer und Pfarrerinnen sowie die der weiteren Mitarbeitenden und der Eltern. Um Aussagen zu den Wirkungen dieses kirchlichen Angebots machen zu können, wurden zwei Befragungen durchgeführt, eine zu Beginn und eine am Ende des Konfirmandenjahres. Diesen Donnerstag, 22. Oktober 2009, werden die für den Kanton Zürich relevanten Ergebnisse im Rahmen des Studientages «Konfirmandenarbeit» erstmals öffentlich vorgestellt.
Vielfältige Anmeldemotive: Geld und Segen
Überraschend ist: Die Jugendlichen entscheiden sich für die Teilnahme am Konfirmationsjahr nicht nur des Festes, der Geschenke und des Geldes wegen, die sie bei der Konfirmation erwarten, sondern auch aus religiösen Gründen. Zum Beispiel, «um den Segen zu empfangen» (44%) oder «weil es eine gute alte Tradition ist» (41%) oder auch «weil ich als Kind getauft worden bin» (48%). Für fast die Hälfte (41%) ist die Entscheidung zur Anmeldung relevant, «um selbst über meinen Glauben entscheiden zu können» und «um einen wichtigen Schritt zum Erwachsenwerden zu tun».
Action machen und über Taufe reden: Glaube und Kirche in einem positiven Licht
Dass «‘Action’ zu machen» für viele wichtig ist (61%) und auch Ausflüge und Lager (für 65%) einen zentralen Stellenwert einnehmen, dürfte wenig überraschen. Eine diesseitige Orientierung zeigt sich auch im Interesse an konkreten Inhalten: Die Jugendlichen favorisieren Themen wie «Gerechtigkeit und Verantwortung» oder «Freundschaft», aber auch die Frage nach dem «Sinn des Lebens». Überraschen dürfte hingegen der Befund, dass sich die Jugendlichen auch für klassische Themen des Unterrichts interessieren: So ist beispielsweise für über die Hälfte der Konfirmandinnen und Konfirmanden das Thema «Taufe» interessant.
Überraschende Ergebnisse zeigen sich sodann auch im Blick auf die Einstellung der Jugendlichen zu Glaube und Kirche – und dies schon am Beginn des Jahres: Knapp die Hälfte glaubt an Gott und sagt, dass sie weiss, «was zum christlichen Glauben gehört». Über die Hälfte der Jugendlichen glaubt an «ein Leben nach dem Tod». Zwei Drittel sind der Überzeugung, dass die Kirche «viel Gutes für die Menschen tut». Und 84% möchten später einmal ihre eigenen Kinder taufen lassen.
Wie aus der Befragung der Mitarbeitenden resultiert, korrespondieren ihre thematischen Interessen und Zielsetzungen mit jenen der Jugendlichen: Für besonders wichtig halten beispielsweise auch sie die Themen, «Sinn des Lebens» (97%) sowie «Gerechtigkeit und Verantwortung» (95%). Nicht ein missionarisches Interesse steht für die Verantwortlichen im Vordergrund, als vielmehr die Intention, dass die Jugendlichen «einen eigenen Standpunkt zu wichtigen Lebensfragen entwickeln» (100%!), «in ihrem Glauben gestärkt werden» (92%) und in ihrer Konfirmandengruppe «Gemeinschaft erleben sollen» (91%). In ihrer Konfirmandenarbeit stellen sich die Mitarbeitenden inhaltlich stark auf die Jugendlichen ein, und methodisch wird ein breites Repertoire genutzt.
Grosse Zufriedenheit mit dem Konfirmandenjahr – dennoch gibt es Potenzial
Entgegen der landläufigen Meinung wird die Konfirmandenarbeit von den allermeisten Beteiligten ausgesprochen positiv eingeschätzt: 93% der Jugendlichen wollen sich am Ende des Jahres tatsächlich konfirmieren lassen, und zwei Drittel von ihnen äussern Zufriedenheit mit der Konfirmationszeit insgesamt. Auch die Mehrheit der Eltern (79%) ist mit der Konfirmandenarbeit zufrieden.
Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass die reformierte Konfirmationspraxis im Kanton Zürich weniger Gewicht auf die Vermittlung klassischer Bekenntnisinhalte, das Auswendiglernen oder den regelmässigen Kirchgang legt. So ist etwa die Anzahl von Gottesdiensten, welche Konfirmandinnen und Konfirmanden im Kanton Zürich besuchen müssen, im internationalen Vergleich so niedrig wie sonst nirgends. Zwar sind bei den Schweizern die Formen der aktiven Beteiligung an der Themenfindung im Vergleich höher als in anderen Ländern, doch das Gefühl, im eigenen Glauben gestärkt worden zu sein, sowie das Interesse einer späteren Teilnahme an einer kirchlichen Jugendgruppe fällt hier deutlich niedriger aus als in den anderen untersuchten Ländern.
In diesem Bereich lokalisieren die Forscher der Universität Zürich ungenutztes Potenzial: Individuelle Lebensfragen sind noch stärker mit theologischen Inhalten zu verknüpfen, und auch die Formen der Beteiligung lassen sich noch erhöhen. Denn die Bereitschaft der Jugendlichen ist gross, sich im Lauf ihrer Konfirmandenzeit mit Fragen des eigenen Erwachsenwerdens und Glaubens auseinanderzusetzen. Die Befragung zeigt, dass sie mitten in den individuellen Such- und Orientierungsbewegungen, in denen sie sich befinden, durchaus offen sind für die Thematisierung christlicher Traditionen.
Den Mitarbeitenden bleibt damit der Auftrag, ihre starke Orientierung an den Interessen der Konfirmandinnen und Konfirmanden immer wieder kritisch vom eigenen christlichen Standpunkt und kirchlichen Bildungsauftrag her zu überprüfen.
Studie «Konfirmandenarbeit in der Schweiz» – und die Forschungsgruppe «International Research on confirmation work»
| Länder: | Deutschland, Österreich, Schweiz, Dänemark, Finnland, Schweden und Norwegen; Gesamtkoordination: Theologische Fakultät, Universität Tübingen |
| Befragung: | Befragt wurden rund 22 000 Konfirmandinnen und Konfirmanden sowie die verantwortlichen Pfarrerinnen und Pfarrer, weitere Mitarbeitende und Eltern |
| Schweiz: | Knapp 600 Jugendliche, rund 60 Verantwortliche in reformierten Kirchgemeinden des Kantons Zürich sowie 246 Eltern |
| Zeitraum: | Konfirmationsjahr 2007/2008 |
Präsentation der Studienergebnisse
am Studientag «Konfirmandenarbeit in der Schweiz»
Donnerstag, 22. Oktober 2009, 09:00–16:45 Uhr
Hirschengraben 50, 8001 Zürich
