Medienmitteilung vom 19.02.2009
MedienmitteilungNeue MRI-Forschung in Zürich: Die perfekte Welle
Forschenden der ETH und Universität Zürich ist eine Entdeckung gelungen, welche die Magnetresonanztomographie revolutionieren könnte. Das Verfahren wird heute im Fachmagazin Nature vorgestellt.
Ein Kollege wollte eine Hand mit dem
Magnetresonanztomographie-Verfahren (MRI) abbilden, aber leider war
das Bild undeutlich. Es zeigte nicht nur Signale aus nächster Nähe
sondern auch solche, die aus einiger Entfernung stammen mussten.
Das brachte den Doktoranden David Brunner auf die Idee, MRI-Signale
gezielt durch sich ausbreitende Wellen anzuregen und zu empfangen.
Wellen, die sich ausbreiten
Nach dem Lehrbuch werden MRI-Signale am besten durch
sogenannte Nah-feldkopplung gemessen. Dies hat den Nachteil, dass
die Detektoren eng am Körper angebracht werden müssen, was oft als
unangenehm empfunden wird. Die Nahfeldmethode entspricht dem Stand
der Technik bei klinischen MRI-Geräten, die heute meist eine
Feldstärke von 1,5 Tesla und eine Resonanzfre-quenz von 64
Megahertz (MHz) haben. Stärkere Magnete und damit höhere Frequenzen
liefern zwar im Prinzip kontrastreichere und höher aufgelöste
Bil-der, aber Anregung und Detektion werden problematisch. Zum
einen werden die Detektoren bei höheren Frequenzen vermehrt durch
den Körper gestört. (Man kennt das Problem von Radioantennen:
Objekte in der Nähe von Anten-nen verändern den Empfang.) Zum
andern neigen traditionelle Detektoren dazu, bei hohen Frequenzen
stehende Wellen auszubilden. Das Resultat sind Kno-tenpunkte, in
deren Umgebung das Bild ausgelöscht wird. Da bei höherer Fre-quenz
und damit kürzerer Wellenlänge mehr Knotenpunkte entstehen, konnten
grössere Strukturen bis jetzt bei hohen Feldstärken nicht
vollständig abgebildet werden.
Klaas Prüssmann, Professor am Institut für Biomedizinische
Technik der ETH und UZH und sein Doktorand David Brunner sind
zusammen mit weiteren For-schern ganz neue Wege gegangen. Sie
nutzten für das bildgebende Verfahren eine 35 Tonnen schwere
Magnetröhre, die MRI-Signalen genügend Raum gibt, um sich in Form
elektromagnetischer Wellen auszubreiten. Sich ausbreitende oder
propagierende Wellen verhalten sich grundsätzlich anders als
stehende Wellen. Sie kommen ohne Knotenpunkte aus und erlauben
dadurch eine gleichmässigere Ausleuchtung. Und sie haben die
Fähigkeit, Energie und In-formation über grosse Distanzen zu
transportieren. Um von diesen Vorteilen zu profitieren, mussten die
Forscher einen neuartigen Detektor bauen, der wie eine Antenne
dafür ausgelegt ist, Signale fernab ihrer Quelle zu empfangen.
Ideale Bedingungen in Zürich
Die Wissenschaftler gingen ausserdem daran, die idealen
Bedingungen für pro-pagierende Wellen zu schaffen und hatten dafür
die besten Voraussetzungen. In ihrem stärksten Forschungssystem,
einer MRI-Anlage mit 7 Tesla Feldstärke am Institut für
Biomedizinische Technik, erreichen die Resonanzsignale eine
Frequenz von 300 MHz. Dank der entsprechend geringen Wellenlänge
ist die Patientenöffnung mit einem Durchmesser von knapp 60 cm
gerade gross ge-nug, um als Wellenleiter zu funktionieren. So
gelang es den Wissenschaftlern, im MRI-Experiment propagierende
Wellen zu erzeugen, die Objekte durchdran-gen und die ganze Röhre
nahezu verlustfrei durchliefen. Mit ihren neu entwor-fenen
Detektoren konnten die Wissenschaftler die Signale der Atomkerne
bis zu einem Abstand von drei Metern empfangen.
Vollständig abbilden
Es ist auch bereits gelungen, Körperteile von
Versuchspersonen aus einer Dis-tanz von fast einem Meter
abzubilden. Wie erhofft haben die ersten Aufnahmen von
Unterschenkel und Fuss eines Probanden eine wesentlich bessere
Abde-ckung als bisher. Jüngste Resultate deuten zudem an, dass auch
der menschli-che Kopf durch propagierende Wellen vollständig
ausgeleuchtet werden kann. Die Vorteile hoher Feldstärken höhere
Auflösung und stärkere Kontraste werden dadurch besser nutzbar.
«Dass man MRI-Signale mit einer Antenne und in so grossem
Abstand vom Körper empfängt, war bis anhin undenkbar», sagt Prof.
Prüssmann. Da Sender und Empfänger in einiger Entfernung platziert
werden können, engen sie den Patienten weniger ein. Die
propagierenden Wellen sind aber nicht nur für medi-zinische
Bildgebung interessant sondern könnten auch ganz neue Anwendun-gen
ermöglichen. Denkbar wäre zum Beispiel, dass damit viele
Materialproben oder Versuchstiere auf einmal untersucht werden
können.
Originalbeitrag: Brunner DO, De Zanche N, Fröhlich J, Paska J
& Pruessmann KP: Travelling-wave nuclear magnetic resonance,
Nature (2009), 457, 944-998, doi:10.1038/nature07752.
MRI auch eine Zürcher Geschichte
Magnetic Resonance Imaging (MRI) basiert auf einem Effekt,
den die Kerne von Was-serstoffatomen in starken statischen
Magnetfeldern zeigen. Durch zusätzliche Wechsel-felder im
Radiofrequenzbereich werden sie zu Schwingungen angeregt. Die
Atomkerne erzeugen dabei selbst ein äusserst schwaches
oszillierendes Feld, welches sichtbar gemacht werden kann. Die
Kontraste zwischen den Gewebearten in den MR-Abbildungen entstehen
vor allem durch den unterschiedlichen Gehalt an Wasserstoff-atomen
und durch verschiedene Abklingzeiten ihrer Kernschwingungen.
Die Grundlage für das Verfahren legten vor mehr als 60 Jahren
der US-Amerikaner Edward M. Purcell und der ETH-Absolvent Felix
Bloch mit ihrer Entdeckung der magne-tischen Kernresonanz. Beide
erhielten dafür 1952 den Nobelpreis für Physik. Die Me-thode
revolutionierte später die Chemie und Strukturbiologie, wofür die
beiden ETH-Forscher Richard Ernst und Kurt Wüthrich mit
Chemie-Nobelpreisen ausgezeichnet wurden. Im vergangenen Jahrzehnt
konnte das bildgebende Verfahren dank Forschun-gen der ETH und der
Uni Zürich erheblich beschleunigt werden, sodass heute sogar
Echtzeitaufnahmen, zum Beispiel des schlagenden Herzens möglich
sind. Bildgebende Verfahren sind als Diagnoseinstrument aus der
Medizin nicht mehr wegzudenken.







