UZH News
Mediadesk
Agenda

Kontakt

Prof. Heinz Bonfadelli, Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich
Tel. 0041 44-634-46-64
Mail

Lucia Vasella, klipp & klang radiokurse
Tel. 0041 76-583-40-69
Mail

Medienmitteilung vom 18.05.2009

 

Radios und TV berichten wenig über Migration und Migranten

Migration und Migranten sind mit 6,4 Prozent in den Inlandbeiträgen des öffentlichen und privaten Rundfunks in der Schweiz nur ein Randthema, und es dominiert eine negativ wertende Sichtweise. Bei den privaten Sendern steht das Thema «Kriminalität von Migranten» an erster Stelle. Demgegenüber leisten die nichtkommerziellen Komplementärradios mit einem vielfältigen Programmangebot einen wichtigen Beitrag zur Integration der Migranten. Zu diesen Resultaten kommt eine Studie, welche am Institut für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich zusammen mit «klipp & klang radiokurse» durchgeführt wurde.

Der Ausländeranteil in der Schweiz beträgt heute mehr als 20 Prozent, und gut ein Drittel der Bevölkerung weist einen Migrationshintergrund auf. Darum ist die Berichterstattung der schweizerischen Medien über die in der Schweiz lebenden ethnischen Minderheiten besonders relevant, denn die Vermittlung von Kultur funktioniert grösstenteils über Medien und bildet somit auch die Basis für soziale Integrationsprozesse. Vor diesem Hintergrund führte das Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ) unter der Leitung von Prof. Heinz Bonfadelli zusammen mit klipp & klang radiokurse unter der Leitung von Jan Weyland ein Forschungsprojekt für das Bundesamt für Kommunikation Bakom durch, das den Integrationsbeitrag des öffentlich-rechtlichen, kommerziellen und komplementären Rundfunks in der Schweiz untersuchte.

Die Frage nach dem Stellenwert von Migranten und Migration in den Programmen wurde mittels einer quantitativen Inhaltsanalyse von 1‘291 Sendungen mit total 7‘286 Inlandbeiträgen in den öffentlichen und privaten Radio- und TV-Programmen in den Räumen Zürich und Bern (April – August 2007) untersucht. 468 Beiträge bzw. 6,4 Prozent befassten sich mit Migranten und/oder Fragen aus dem Bereich der Migration. Die Detailanalyse zeigte neben der geringen Relevanz des Themas einen Fokus auf Politik; Migranten werden zudem im Kontext von Kriminalität und Justiz meist als soziales Problem dargestellt. Themenspezifische Hintergrundinformation fehlt vielfach. In 46 Prozent aller thematischen Beiträge mit Wertungstendenz dominiert eine negative Sichtweise, wonach Migranten als kulturelle Bedrohung, Konkurrenz, finanzielle Belastung oder Unruhestifter betrachtet werden. Im Medienvergleich wird in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkprogrammen das Thema Migration stärker positiv bewertet als bei den privaten Sendern.

Das Programmangebot der Komplementärradios wurde im Zeitraum von zwei Monaten (Januar und Februar 2007) bei sechs nichtkommerziellen Radios in den Räumen Zürich (LoRa), Bern (RaBe), Aarau (Kanal K), Basel (Radio X), Schaffhausen (RaSa) und Genf (Radio Cité) eruiert, wobei 186 Sendungen untersucht werden konnten. Das Programmangebot ist vielfältig und heterogen zugleich. Mit je etwa 20 Prozent dominieren die Berichterstattung über das politische Geschehen im Ausland, kulturell-feuilletonistische Beiträge mit Musik und Musiksendungen mit kulturell-feuilletonistischen Hinweisen. Die gelegentlich in der Öffentlichkeit geäusserte Befürchtung, in den Programmen der Ethnoradios könnten sich Parallelwelten aufbauen, scheint damit widerlegt zu werden. Es werden Programme in mehr als 25 verschiedenen Sprachen produziert. Mit einem Anteil von 20 Prozent dominieren Sendungen in Spanisch deutlich, gefolgt von Sendungen für Zielgruppen aus dem Balkan, der Türkei (türkisch und kurdisch) sowie aus Italien und Portugal.

Mittels einer Online-Befragung wurden schliesslich die Mediennutzung und Medienbewertung von 361 Migranten untersucht. Diese verfügten allerdings über einen relativ hohen Bildungshintergrund. Als Ergänzung wurden 11 Gruppengespräche mit einzelnen Minderheitsgruppen durchgeführt. Die Befunde zur Sprache der Mediennutzung zeigen, dass kein Medienghetto besteht: Die Nutzung der Medien erfolgt mehrheitlich in deutscher Sprache, wobei Migranten aus Italien und dem Balkan am stärksten TV-Programme komplementär auch in ihrer Heimatsprache nutzen. Als Problem zeigte sich, dass zwei Drittel der Befragten finden, dass in den Schweizer Medien über Migranten zu negativ berichtet wird; die Kritik am Bild der Medien über Migranten ist mit rund 80 Prozent am negativsten bei Migranten aus der Türkei und bei (eingebürgerten) Schweizern mit Migrationshintergrund. Dementsprechend besteht Skepsis in Bezug auf die Frage, ob die Schweizer Medien bei der Integration und beim Zurechtkommen in der Schweiz ausreichend helfen würden.

Die Verfasser der Studie fordern weniger Marginalisierung und mehr Präsenz von Migrationsthemen in der Berichterstattung. Gewünscht wird zudem eine grössere Themenvielfalt, den Miteinbezug von (lokalen) Alltagsthemen und einen veränderten Fokus etwa durch Betonung von Erfolgen oder positiven Beispielen und durch die Berücksichtigung von direkten Minoritäts-Stimmen. Dies setzt eine verstärkte Sensibilisierung der Medienschaffenden gegenüber potentiell diskriminierenden Anspielungen voraus, was durch spezifische Module zum Thema interkulturelle Kommunikation in der journalistischen Aus- und Weiterbildung gefördert werden könnte. Zudem wäre eine bessere Repräsentation von Medienschaffenden mit Migrationshintergrund in den Schweizer Medien wünschenswert. Ihr Anteil beträgt zurzeit nur 5 Prozent.