Medienmitteilung vom 18.05.2009
Radios und TV berichten wenig über Migration und Migranten
Migration und Migranten sind mit 6,4 Prozent in den Inlandbeiträgen des öffentlichen und privaten Rundfunks in der Schweiz nur ein Randthema, und es dominiert eine negativ wertende Sichtweise. Bei den privaten Sendern steht das Thema «Kriminalität von Migranten» an erster Stelle. Demgegenüber leisten die nichtkommerziellen Komplementärradios mit einem vielfältigen Programmangebot einen wichtigen Beitrag zur Integration der Migranten. Zu diesen Resultaten kommt eine Studie, welche am Institut für Publizistikwissenschaft der Universität Zürich zusammen mit «klipp & klang radiokurse» durchgeführt wurde.
Der Ausländeranteil in der Schweiz beträgt heute mehr als 20
Prozent, und gut ein Drittel der Bevölkerung weist einen
Migrationshintergrund auf. Darum ist die Berichterstattung der
schweizerischen Medien über die in der Schweiz lebenden ethnischen
Minderheiten besonders relevant, denn die Vermittlung von Kultur
funktioniert grösstenteils über Medien und bildet somit auch die
Basis für soziale Integrationsprozesse. Vor diesem Hintergrund
führte das Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung
der Universität Zürich (IPMZ) unter der Leitung von Prof. Heinz
Bonfadelli zusammen mit klipp & klang radiokurse unter der
Leitung von Jan Weyland ein Forschungsprojekt für das Bundesamt für
Kommunikation Bakom durch, das den Integrationsbeitrag des
öffentlich-rechtlichen, kommerziellen und komplementären Rundfunks
in der Schweiz untersuchte.
Die Frage nach dem Stellenwert von Migranten und Migration in
den Programmen wurde mittels einer quantitativen Inhaltsanalyse von
1291 Sendungen mit total 7286 Inlandbeiträgen in den öffentlichen
und privaten Radio- und TV-Programmen in den Räumen Zürich und Bern
(April August 2007) untersucht. 468 Beiträge bzw. 6,4 Prozent
befassten sich mit Migranten und/oder Fragen aus dem Bereich der
Migration. Die Detailanalyse zeigte neben der geringen Relevanz des
Themas einen Fokus auf Politik; Migranten werden zudem im Kontext
von Kriminalität und Justiz meist als soziales Problem dargestellt.
Themenspezifische Hintergrundinformation fehlt vielfach. In 46
Prozent aller thematischen Beiträge mit Wertungstendenz dominiert
eine negative Sichtweise, wonach Migranten als kulturelle
Bedrohung, Konkurrenz, finanzielle Belastung oder Unruhestifter
betrachtet werden. Im Medienvergleich wird in den
öffentlich-rechtlichen Rundfunkprogrammen das Thema Migration
stärker positiv bewertet als bei den privaten Sendern.
Das Programmangebot der Komplementärradios wurde im Zeitraum
von zwei Monaten (Januar und Februar 2007) bei sechs
nichtkommerziellen Radios in den Räumen Zürich (LoRa), Bern (RaBe),
Aarau (Kanal K), Basel (Radio X), Schaffhausen (RaSa) und Genf
(Radio Cité) eruiert, wobei 186 Sendungen untersucht werden
konnten. Das Programmangebot ist vielfältig und heterogen zugleich.
Mit je etwa 20 Prozent dominieren die Berichterstattung über das
politische Geschehen im Ausland, kulturell-feuilletonistische
Beiträge mit Musik und Musiksendungen mit
kulturell-feuilletonistischen Hinweisen. Die gelegentlich in der
Öffentlichkeit geäusserte Befürchtung, in den Programmen der
Ethnoradios könnten sich Parallelwelten aufbauen, scheint damit
widerlegt zu werden. Es werden Programme in mehr als 25
verschiedenen Sprachen produziert. Mit einem Anteil von 20 Prozent
dominieren Sendungen in Spanisch deutlich, gefolgt von Sendungen
für Zielgruppen aus dem Balkan, der Türkei (türkisch und kurdisch)
sowie aus Italien und Portugal.
Mittels einer Online-Befragung wurden schliesslich die
Mediennutzung und Medienbewertung von 361 Migranten untersucht.
Diese verfügten allerdings über einen relativ hohen
Bildungshintergrund. Als Ergänzung wurden 11 Gruppengespräche mit
einzelnen Minderheitsgruppen durchgeführt. Die Befunde zur Sprache
der Mediennutzung zeigen, dass kein Medienghetto besteht: Die
Nutzung der Medien erfolgt mehrheitlich in deutscher Sprache, wobei
Migranten aus Italien und dem Balkan am stärksten TV-Programme
komplementär auch in ihrer Heimatsprache nutzen. Als Problem zeigte
sich, dass zwei Drittel der Befragten finden, dass in den Schweizer
Medien über Migranten zu negativ berichtet wird; die Kritik am Bild
der Medien über Migranten ist mit rund 80 Prozent am negativsten
bei Migranten aus der Türkei und bei (eingebürgerten) Schweizern
mit Migrationshintergrund. Dementsprechend besteht Skepsis in Bezug
auf die Frage, ob die Schweizer Medien bei der Integration und beim
Zurechtkommen in der Schweiz ausreichend helfen würden.
Die Verfasser der Studie fordern weniger Marginalisierung und
mehr Präsenz von Migrationsthemen in der Berichterstattung.
Gewünscht wird zudem eine grössere Themenvielfalt, den Miteinbezug
von (lokalen) Alltagsthemen und einen veränderten Fokus etwa durch
Betonung von Erfolgen oder positiven Beispielen und durch die
Berücksichtigung von direkten Minoritäts-Stimmen. Dies setzt eine
verstärkte Sensibilisierung der Medienschaffenden gegenüber
potentiell diskriminierenden Anspielungen voraus, was durch
spezifische Module zum Thema interkulturelle Kommunikation in der
journalistischen Aus- und Weiterbildung gefördert werden könnte.
Zudem wäre eine bessere Repräsentation von Medienschaffenden mit
Migrationshintergrund in den Schweizer Medien wünschenswert. Ihr
Anteil beträgt zurzeit nur 5 Prozent.
