Medienmitteilung vom 15.01.2009
MedienmitteilungSäugetier-Erbgut kann heimlich fremde Virusgene aufnehmen
Auch RNA-Viren können ihr Erbgut in dasjenige der Wirtszelle einbauen. Bisher war man davon ausgegangen, dass ein solcher Gentransfer nur DNA-Viren und Retroviren gelingt. Dies berichten Forscher der Universität Zürich in der neuesten Ausgabe von «Science» (Volume 323, Issue 5912).
Das Erbgut von Viren kann in verschiedenen Formen abgespeichert
sein. Einige Viren wie zum Beispiel Pockenviren verwenden DNA
(Desoxiribonukleinsäure), um ihre Erbinformation in die
Virenpartikel einzupacken. Andere Viren wie zum Beispiel das
Masern- oder das Kinderlähmungsvirus verwenden RNA
(Ribonukleinsäure), um ihr Erbgut in den Virenpartikeln abzulegen.
Da alle Wirtsorganismen DNA für die Aufbewahrung der Erbinformation
verwenden, besteht die Möglichkeit, dass das Erbgut von DNA-Viren
direkt in das Erbgut der Wirtszellen aufgenommen werden kann.
Im Fall der RNA-Viren hat man hingegen bis anhin angenommen,
dass dies nicht möglich sei, da RNA in den Zellen nur als temporäre
Wegwerfkopien von Genen verwendet wird; das DNA-Original verbleibt
so jederzeit geschützt im Zellkern. «Eine Ausnahme bilden die
Retroviren wie z.B. HIV, erklärt Lars Hangartner vom Institut für
Medizinische Virologie der Universität Zürich. «Retroviren packen
ihre Erbinformation als RNA in die Virenpartikel ein, überschreiben
diese RNA aber gleich nach der Infektion in DNA und setzen diese
dann, sozusagen als Blaupause, ins Erbgut der Wirtszelle ein.» Die
genetische Information von Retroviren bleibt dadurch für immer mit
der Wirtszelle verbunden und sie kann daher auch nach langer Zeit
immer wieder von neuem reaktiviert werden. Entstehen über die Zeit
Mutationen, können diese integrierten Retroviren zwar ihre
Funktion, die Replikationsfähigkeit, verlieren und bleiben als
genetische Retrovirusleiche (defekte Viren) im Wirtszell-Erbgut.
Solche nicht oder nur noch teilweise funktionierenden
Retrovirus-Fragmente machen über 8 Prozent des Erbgutes der
Menschen und Säugetiere aus, ihre Bedeutung für den Wirtsorganismus
ist jedoch weitgehend unklar.
Dr. Markus Geuking und Dr. Lars Hangartner beschreiben
zusammen mit Prof. Rolf Zinkernagel in der neusten Ausgaben von
«Science», dass die Trennung zwischen RNA-Viren und Retroviren
nicht ganz so exakt erfolgt, wie bis anhin angenommen. Aufbauend
auf Ergebnissen aus Mitte der 90er-Jahre konnten die Forscher nun
zeigen, dass Gene eines reinen RNA-Virus der Maus in das Erbgut der
Wirtszelle integriert werden können, wenn sie von einem bestimmten
Typus eines in der Wirtszelle integrierten, rudimentären, aber
teilweise funktionierenden Retrovirusfragments aufgeschnappt
werden. Die Integration des RNA-Virus erfolgt hierbei zufällig und
nicht durch einen spezifischen Mechanismus. Diese Art von
Gentransfer wurde bisher als unmöglich angesehen, weshalb RNA-Viren
als sichere Vehikel für das temporäre Einbringen von genetischer
Information angesehen wurden.
Mechanismen dieser Art könnten in Menschen bei gewissen
Anwendungen der somatische Gentherapie oder bei gentechnisch
veränderten Impfstämmen, die sich zur Zeit in Entwicklung befinden,
wirksam werden und daher für die Abschätzung der Sicherheit dieser
Verfahren von Bedeutung sein. Mit der vorliegenden Publikation wird
gezeigt, dass RNA-Viren, die zur Anwendung im Menschen gedacht
sind, diesbezüglich untersucht werden sollten auch wenn sich
dieses Zusammenspiel zwischen RNA-Virus und Retrovirusfragmenten
höchstwahrscheinlich sehr selten und nur mit bestimmten RNA-Virus /
Retrovirus-Kombinationen ereignen können. Die Methoden für solche
Untersuchungen sind vorhanden und äusserst sensitiv.
Originalbeitrag:
Markus B. Geuking, Jacqueline Weber, Marie Dewanneux, Elieser
Gorelik, Thierry Heidmann, Hans Hengartner, Rolf M. Zinkernagel,
Lars Hangartner: Recombination of Retrtransposon and Exogenous RNA
Virus Results in Nonretroviral cDNA Integration. In: Science,
Volume 323, Issue 5912
