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22.12.2009

Der Druck aufs Bankgeheimnis wirkt auf Schweizer kontraproduktiv

Rund drei Viertel aller Schweizerinnen und Schweizer erachten das Bankgeheimnis als wichtig und schützenswert. Gerät es unter internationalen Druck, weckt dies die Verteidigungsbereitschaft der Bevölkerung. Dies ist das Ergebnis einer Online-Umfrage, welche Prof. Carmen Tanner und Dr. Daniel Hausmann vom Psychologischen Institut der Universität Zürich in der Deutschschweiz durchgeführt haben.

Der internationale Druck der letzten Monate auf die Schweiz hat dazu geführt, dass das Schweizer Bankkundengeheimnis gelockert wurde. Wie die Schweizer Bevölkerung auf diesen Druck reagiert und wie sie über die Aufrechterhaltung des Bankgeheimnisses denkt, haben die Psychologin Carmen Tanner und der Psychologe Daniel Hausmann von der Universität Zürich in ihrer Online-Umfrage erhoben, bei der 1’179 Deutschschweizerinnen und -schweizer befragt wurden.

Ihre Studie beantwortet die Frage, inwieweit und warum das Bankgeheimnis als schützenswert gilt und sie identifiziert die Faktoren, welche mitbestimmen, ob und in welchem Ausmass Schweizerinnen und Schweizer das Bankgeheimnis verteidigen oder ablehnen.

Das Bankgeheimnis, ein schützenswertes Gut

Die grosse Mehrheit der Bevölkerung von 71,8 Prozent betrachtet das Bankgeheimnis nach wie vor als schützenswert. Die Werte, die es für sie zu einem schützenswerten Gut machen, sind Schutz der Privatsphäre, Eigenständigkeit der Schweiz und Stärkung des Finanzplatzes Schweiz. Dabei sind Personen, die dem Schutz des Bankgeheimnisses einen grossen Stellenwert einräumen, auch in höherem Masse bereit, dieses gegen Angriffe z.B. von Seiten des Auslandes zu verteidigen. Die beiden Forschenden kamen zum Schluss, dass bei einer Volksabstimmung zur Abschaffung des Bankgeheimnisses für in- und ausländische Bankkundinnen und -kunden 65 Prozent der Befragten ein «Nein» in die Urne legen würden, nur 21,9 Prozent sind dafür, 11,6 Prozent sind unentschieden und 1,5 Prozent geben keine Antwort.

Wertekonflikt und internationaler Druck beeinflussen die Verteidigungshaltung

Ob sich die Befragten im Fall einer Bedrohung des Bankgeheimnisses auch tatsächlich für dessen Verteidigung einsetzen oder nicht, wird von zwei Faktoren beeinflusst. Gleich einem Regler verstärken oder schwächen diese die Verteidigungshaltung: Die sogenannte Diskrepanzwahrnehmung und ein allfällig vorhandener Wertekonflikt.

Erstere umschreibt das Verhältnis zwischen der wahrgenommenen Bedrohung einerseits und dem Wunsch nach Aufrechterhaltung des Bankgeheimnisses auf der anderen Seite. Je grösser Wunsch und Bedrohung, desto verteidigungsbereiter zeigen sich die Befragten.

Hinsichtlich Wertekonflikt identifizierten Carmen Tanner und Daniel Hausmann zwei Hauptgruppen: Für die eine Gruppe ist das Bankgeheimnis tabu und nicht verhandelbar. Alle Werte sprechen für die Aufrechterhaltung des Bankgeheimnisses, und entsprechend verteidigungsbereiter fallen die Reaktionen dieser Gruppe aus. Diese Gruppe hat keinen oder einen geringen Wertekonflikt. Die andere Gruppe mit hohem Wertekonflikt steht in einem inneren Widerstreit gegensätzlicher Werte: Neben dem Schutz der Privatsphäre sind ihr auch andere Werte wichtig, wie beispielsweise der Kampf gegen die Steuerflucht oder die Einhaltung internationaler Abkommen.

Internationaler Druck gefährdet das Bankgeheimnis nicht

Nimmt die Zahl der Personen zu, für die die Diskussion um das Bankgeheimnis keine Tabu-Situation darstellt, sondern einen hohen Wertekonflikt, so wird die Verteidigungsbereitschaft insgesamt abnehmen. Denn für sie sprechen wichtige Argumente gleichzeitig sowohl für die Aufrechterhaltung des Bankgeheimnisses als auch für seine Auflockerung. Umgekehrt wächst mit zunehmendem Druck aus dem In- und Ausland die wahrgenommene Diskrepanz zwischen Wunschzustand und Realität und in der Folge auch die Motivation der Schweizerinnen und Schweizer zur Verteidigung des Bankgeheimnisses.

Mit andern Worten, so folgert Carmen Tanner: «Eine öffentlich und sachlich geführte Diskussion um das Bankgeheimnis wird eher zu einer Milderung der Verteidigungsreaktionen führen, währenddem zunehmender internationaler Druck eher verstärkte Abwehr- und Gegenreaktionen bewirkt.» So ist insbesondere von ausländischen Forderungen nach einem automatischen Informationsaustausch zu erwarten, dass diese zu einer Erhöhung der wahrgenommenen Bedrohung beitragen und dass sich die Verteidigungsreaktionen in der Folge eher verstärken als abschwächen. Vom Grossteil der Befragten wird der automatische Informationsaustausch definitiv als inakzeptabel bewertet.

Kontakt

Prof. Carmen Tanner, Psychologisches Institut, Kognitive Sozialpsychologie, Universität Zürich

Telefon: 044 635 71 75

E-Mail


Dr. Daniel Hausmann, Psychologisches Institut, Kognitive Sozialpsychologie, Universität Zürich

Telefon: 044 635 72 56

E-Mail

 
Homepage

Studie

Tanner, C. & Hausmann, D. (2009): Wie wertvoll ist das Bankgeheimnis für Schweizerinnen und Schweizer? Forschungsberichte aus der Kognitiven Sozialpsychologie, Nr. 01. Zürich: Universität Zürich. Diese Studie wurde vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung finanziert (SNF-Projekt, PP001-120191).


Originalbeitrag

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