Medienmitteilung vom 27.01.2009
MedienmitteilungWie der morphogenetische bicoid-Gradient im Embryo gebildet wird oder das Ende eines Dogmas
In allen Lehrbüchern kann man nachlesen, dass der erste entdeckte morphogenetische Gradient dadurch gebildet wird, dass das bicoid-Protein am vorderen Pol des Embryos der Taufliege Drosophila synthetisiert wird und von dort durch Diffusion nach hinten gelangt. Dieses Dogma wird von Wissenschaftlern der Universität Zürich, der Lund University und der Stony Brook University in der neusten Ausgabe von «Development» widerlegt (Volume 136, pp. 605-614).
Morphogenetische Gradienten bilden ein zentrales Konzept der
Entwicklungsbiologie, dessen Ursprung mehr als hundert Jahre
zurückreicht. Heute werden sie definiert als Substanzen, deren
Konzentration mit zunehmender Distanz von einem Referenzpunkt oder
einer Referenzlinie monoton abfällt und die, entsprechend ihrer
Konzentration, verschiedene Gene aktivieren. Ein morphogenetischer
Gradient legt daher im Embryo die Position entlang einer Achse
fest.
Zum ersten Mal wurde ein morphogenetischer Gradient erst 1986
nachgewiesen, und zwar für das bicoid-Genprodukt, dessen
Konzentration mit der Distanz vom vorderen Pol eines
Drosophila-Embryos abnimmt und so im wesentlichen das Schicksal der
Zellen bestimmt, die Kopf und Thorax der Drosophila Larve bilden.
Damals postulierten Hans Georg Frohnhöfer und Christiane
Nüsslein-Volhard (Max-Planck-Institut in Tübingen) aufgrund
genetischer und entwicklungsbiologischer Experimente im frühen
Embryo einen Gradienten des bicoid-Genprodukts. Gleichzeitig gelang
im Labor von Prof. Markus Noll der erste Nachweis des postulierten
Gradienten und zwar in Form von bicoid-mRNA, die im Mikroskop von
Stefan Baumgartner, seinem damaligen Doktoranden, im Embryo
sichtbar gemacht wurde. Nolls Gruppe zeigte damals auch, dass diese
mRNA für ein Protein kodiert, das andere Gene reguliert. Damit war
offensichtlich, wie das Produkt des bicoid-Gens als Morphogen
wirkt, nämlich indem es in unterschiedlichen Konzentrationen
verschiedene Gene aktiviert.
Zwei Jahre später, 1988, haben Wolfgang Driever und
Nüsslein-Volhard einen Gradienten für das bicoid-Protein im Embryo
nachgewiesen. Dabei postulierten sie, dass die für das
bicoid-Protein kodierende mRNA strikt am vorderen Pol des Embryos
lokalisiert bleibt, obschon dies der zwei Jahre zuvor in derselben
Zeitschrift von Nolls Gruppe publizierten Evidenz widersprach. Nach
der Vorstellung von Driever und Nüsslein-Volhard entstand der
Gradient des bicoid-Proteins dadurch, dass die am vorderen Pol
lokalisierte bicoid-mRNA in Protein übersetzt wurde, das nach
hinten diffundierte und so ein Konzentrationsgefälle bildete.
Dieses Modell wurde seither in allen entwicklungsbiologischen
Lehrbüchern wie ein Dogma gelehrt.
Modell endgültig widerlegt
In der neusten Ausgabe von «Development» haben nun die Labors
von Stefan Baumgartner und Markus Noll mit den heutigen modernen
Methoden ihre Befunde von 1986 bestätigt und zusätzlich gezeigt,
dass der Gradient der bicoid-mRNA mit demjenigen des
bicoid-Proteins so gut wie identisch ist. Damit wurde das von
Driever und Nüsslein-Volhard postulierte und in Lehrbüchern
reproduzierte Modell endgültig widerlegt. Der morphogenetische
Gradient des bicoid-Proteins bildet sich nicht durch Diffusion des
ausschliesslich am vorderen Pol synthetisierten bicoid-Proteins,
sondern einfach durch die Synthese des bicoid-Proteins auf der
bicoid-mRNA, die dabei als Matrize dient und einen Gradienten
bildet.
Nun stellt sich die Frage, wie der bicoid-mRNA-Gradient
zustande kommt, da im unbefruchteten Ei die bicoid-mRNA am vorderen
Pol lokalisiert ist, wie ebenfalls 1986 in der Publikation von
Nolls Gruppe zum ersten Mal gezeigt wurde. Noll und Baumgartner
schlagen in der Diskussion ihrer Publikation ein Modell vor, wie
dies geschieht. Die bicoid-mRNA wird nach der Befruchtung vom
vorderen Pol losgelöst und mit Hilfe des als Staufen bezeichneten
Proteins und bekannten Proteinmotoren entlang einem Netzwerk aus
Microtubuli in einer dünnen Schicht direkt unter der Oberfläche des
Embryos vom vorderen Pol nach hinten transportiert. Da aber die
Orientierung der Microtubuli zufällig ist, wird die mRNA, ähnlich
wie bei der Diffusion, nur wegen ihres Konzentrationsgefälles
langsam nach hinten transportiert (etwa hundert Mal langsamer als
bei einem gerichteten Transport entlang Microtubuli). Dieses Modell
erklärt auch zum ersten Mal eine Funktion dieses
Microtubuli-Netzwerks, nämlich die Bildung des
bicoid-mRNA-Gradienten. Sobald die endgültige Form des
mRNA-Gradienten erreicht ist, bricht dieses Netzwerk zusammen. Dies
geschieht zu Beginn des so genannten synzytialen Blastoderms, wenn
die Zellkerne nach 9 Kernteilungen im Innern des Embryos die
Oberfläche erreichen. Der bicoid-Gradient entsteht also weder durch
Diffusion noch durch das Erreichen eines stationären Zustands,
sondern sein Aufbau ist zeitlich perfekt mit der Entwicklung des
Embryos synchronisiert. Daher erreicht er seine endgültige Form,
wenn das bicoid-Protein, entsprechend seiner Konzentration,
verschiedene Gene in den Zellkernen aktivieren muss.
Originalbeitrag:
Alexander Spirov, Khalid Fahmy, Martina Schneider, Erich
Frei, Markus Noll, Stefan Baumgartner: Formation of the bicoid
morphogen gradient: an mRNA gradient dictates the protein gradient.
In: Development, Volume 136, pp. 605-614.

